Unerhört! 2016 - Ellery Eskelin/Christian Weber/Michael Griener, Booklet (Tobias Delius/Joe Williamson/Steve Heather), Peter K. Frey, Hans-Peter Pfammatter

Dieses Jahr liegt ein extensiver Unerhört-Besuch leider nicht drin (und das Programm verlangt ihn auch nicht so sehr wie letztes Jahr), aber zwei Abende und damit zwei Tenorsaxophonisten liess ich mir nicht entgehen.

23.11. – GZ Riesbach, Zürich

Es spielte das Trio Ellery Eskelin-Christian Weber-Michael Griener. Die drei hatten sich vor ein paar Jahren kennengelernt, traten 2011 in Willisau auf (es gibt Auszüge auf Youtube), später in New York ausführlicher zusammen geprobt, die gemeinsame Liebe zu alten Standards entdeckt … und das heisst in diesem Fall wirklich alt, „Moten Swing“ ist das jüngste Stück des Programms, das gerade bei Intakt erschienen ist und vorgestern gespielt wurde (die CD wurde Anfang 2016 eingespielt, ist auf 2017 datiert, war am Konzert aber bereits käuflich zu erwerben: „Sensations of Tone“, Intakt 276, 2017). Auch Stücke von Jelly Roll Morton oder Fats Waller standen auf dem Programm, sie wurden im Wechsel gespielt mit freien Stücken, die wohl teils ein wenig zurechtgelegt waren, in eine bestimmte Richtung gehen sollten.

Jedenfalls war das ein eindrückliches Set, sehr zurückhaltend und völlig unprätentiös gespielt. Zudem rein akustisch, was ja heute leider eine seltene Kunst ist. Weber hat am Kontrabass einen Ton, der tragend und voluminös genug ist, Griener spielt ein Drum-Kit mit kleiner Bass-Drum (sehr dünn, nur so 25 cm zwischen den Fellen), einer sehr flachen Snare und ähnlich flachen Toms. Das führt zu einer enormen Transparenz, was Eskelin auch in seinen Liner Notes im Booklet der neuen CD hervorhebt. Eskelin war wahnsinnig eindrücklich, spielte sowohl in den freien Stücke wie in den Standards wunderbare Soli mit grossem Sinn für die weiten Bögen, die Gesamtarchitektur, voller kleiner Verfärbungen, Mikrotönen, alternativen Griffen und sowas, aber auch hart swingend und zugleich total entspannt. Das Zusammenspiel des Trios war klasse, das war alles mit einer Nonchalance und auch mit grosser Bescheidenheit gespielt, leise und unaufgeregt, aber gleichzeitig mit höchster Dichte, grosse Konzentration bei lockerer Gelöstheit.

Danach folgte ein zweites Set mit Hans-Peter Pfammatter & Big Band der Hochschule Luzern-Musik. Nach dem bezaubernden Trio hatte ich etwas Bedenken, überhaupt dortzubleiben, doch das hat sich durchaus gelohnt. Die jungen Musikerinnen und Musiker spielten mit Engagement und manche mit beträchtlichem Können, die in kurzer Zeit einstudierten Arrangements von Pfammatter hatten es in sich, es gab auch keinen konventionell swingenden Big Band Jazz, eher eine Mischung irgendwo zwischen Sun Ra, Zappa, Don Ellis, Steve Reich, zwischen Jazz, Grooves und Space Funk. An letzterem hatte Leader Pfammatter keinen geringen Anteil, er sass mit dem Rücken zum Publikum an einem alten Analog-Synthesizer, der immer wieder in den Klang der Big Band (mit prominenter Gitarre, Kontrabass, Drums, Upright-Piano sowie den üblichen 4-4-5-Bläsern) und dirigierte die Band. Der Synthesizer kam sowohl solistisch als auch im Rahmen der Arrangements zum Einsatz, das ganze Set war abwechslungsreich, von Freiem, eher Klamaukigen bis hin zu raffiniert geschichteten und funky groovenden Sound-Collagen.


24.11. – WIM, Zürich

Der zweite und leider letzte Abend, den ich dieses Jahr am Unerhört besuchte, stellte sich ebenfalls als sehr lohnenswert heraus. Tobias Delius hatte ich vor ein paar Wochen ja bereits in Basel gehört und davor vor elf Jahren auch schon am Unerhört mit dem ICP Orchestra. Schon damals hinterliess Delius einen hervorragenden Eindruck und – aufgrund des kurzen Festivalsets – Lust auf mehr.

Dass es also endlich mal klappte, ihn in angemessenem Rahmen hören zu können, war umso schöner. Den Auftakt des Abends in der kleinen Werkstatt für improvisierte Musik machte Peter K. Frey, solo am Kontrabass. Frey gehört zu den Gründern der WIM und im Publikum sassen verschiedene vertraute Gesichter der Zürcher Szene, darunter die Pianistinnen Gabriela Friedli und Irène Schweizer, die Schlagzeuger Dieter Ulrich und Christian Wolfahrt, der Elektrobassist Jan Schlegel oder der Saxophonist Omri Ziegele, der als Mitinitiator von Unerhört auch die Ansage machte. Frey spielte ein leises Set, das auf zurückhaltende Art aber recht intensiv wurde und mich wohl nach einer Viertelstunde hereinzog.

Nach der Pause dann das Trio Booklet, das sind: Tobias Delius (ts, cl), Joe Williamson (b) und Steve Heather (d). Heather sass an demselben sehr besonderen Kit, das Michael Griener am Vorabend beim Konzert mit Eskelin und Weber schon gespielt hatte – eine sehr schmale Bass-Drum (vielleicht 20 cm zwischen den Fellen), eine ganz flache Snare (wenig mehr als 5 cm), zwei flache Toms (ich dachte zunächst sogar, das seien weitere Snares, sie haben etwa die Höhe normaler Snares), dazu ein Hi-Hat und zwei weitere Becken (keines davon ein riesiges Ride). Nach dem Konzert ergab sich die Gelegenheit zu einer kurzen Unterhaltung mit Griener, dessen Kit eben darauf angelegt ist, dass er in einer unverstärkten Situation zulangen kann, ohne permanent Angst haben zu müssen, die anderen Musiker zuzudecken, was wie er meinte gerade bei Eskelin unglaublich gut ankomme – eine solche Rhythmusgruppe, also Weber/Griener, gäbe es in New York nicht, und nachdem mal das Eis gebrochen gewesen sei, hätte das Zusammenspiel allen dreien grosses Vergnügen bereitet … hoffen wir, dass die neue Intakt-CD dem Trio etwas Auftrieb gibt und zu weiteren Auftritten führen wird, es wäre zu schade, wenn diese hervorragende Kombination nicht öfter zu hören wäre!

Aber gut, Booklet: Delius stand praktisch vor meiner Nase und es war phantastisch (wie schon bei Eskelin am Vorabend) aus der Nähe die ganzen Nuancen und tonalen Schattierungen, das Spiel mit dem Atem, den mechanischen Geräuschen zu hören, das bei Delius ja nicht alleine kommt sondern in die Töne eingebettet und integriert wird. Das Trio machte sofort Dampf, es präsentierte ein äusserst variantenreiches Set, das von freien Passagen bis nach Südafrika reichte. Aus einfachsten Grooves (einmal klöppelte Heather einen Beat fast wie auf Miles‘ „In a Silent Way“) entwickelten sich Bögen, die aber immer wieder unerwartete Haken schlugen – vom Verschwurbelt-Verspielten zum melodisch-motivischen Tenorsaxophon mit der Souveränität eines Sonny Rollins innert weniger Sekunden. Sehr toll auch, wie offen das Trio aufeinander reagiert, im permanenten Wachzustand und natürlich auch mit der Souveränität, etwas laufen zu lassen – man braucht ja nicht auf jeden Hinweis, jedes Angebot der anderen beiden einzugehen, auch im Interplay liegt die Würze oft in der Auswahl.

Kristian Bezuidenhout, Orchestre Révolutionnaire et Romantique, John Eliot Gardiner: Brahms, Beethoven, Schubert - Tonhalle, Zürich, 14. November

JOHANNES BRAHMS: Serenade Nr. 2 A-Dur op. 16
LUDWIG VAN BEETHOVEN: Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58
encore: BEETHOVEN: Largo, aus Sonate Op. 10 Nr. 3

FRANZ SCHUBERT: Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485

Orchestre Révolutionnaire et Romantique
Sir John Eliot Gardiner Leitung
Kristian Bezuidenhout Hammerflügel

Bezuidenhouts Mozart-Serie auf harmonia mundi gefällt mir hervorragend, mit Orchester kannte ich bisher nur (einst wohl auf arte gesehen) einen Auftritt mit den Freiburger Barockern und Mozart-Klavierkonzerten, da hat Bezuidenhout vom Hammerflügel aus dirigiert – auch das fand ich hervorragend. Gardiner zählt hier zu den verehrteren Künstlern der Gegenwart, nicht nur mit Bachs Kantaten und Passionen, auch die Mozart-Konzerte mit Bilson, die Beethoven’sche Missa solemnis, die Opern Mozarts gefallen mir sehr gut, und die beiden bisherigen Konzerterlebnisse in der letzten Saison (Janáceks Missa glagolitica mit seinem Chor und dem Tonhalle-Orchester hier in Zürich und die Matthäus Passion mit seinem Chor und den English Baroque Soloists in Luzern) waren ebenfalls überragend.

Grosse Vorfreude also, aber auch ein paar Fragezeichen, denn mit Beethoven kannte ich – von der Messe abgesehen (und der „Leonore“ von Gardiner, die ich aber erst einmal rasch durchgehört habe) – beide noch nicht, Schubert hatte ich von Gardiner ebenfalls noch nicht gehört und Brahms liegt zwar da (mit Gardiner die Symphonien und das Requiem, die Serenaden mit Chailly), aber noch ungehört. Den Auftakt machte Brahms‘ zweite Serenade, in der die Bläser in Paaren auftreten und bei den Streichern die Violinen fehlen. Das ergibt einen besonderen Klang, den Gardiner dadurch noch verstärkte, dass er die Bläserpaare auf steilen Bühnenaufbauten hintereinander staffelte. Die Wirkung war toll, aber ich habe mich doch da und dort bei der langen Weile ertappt – das Ding von Brahms ist ganz nett, die einfachen Motive und ihre Entwicklung schön nachzuvollziehen aber da und dort zieht es sich ein wenig.

Nach einer längeren Umbaupause ging es dann mit Beethovens viertem Klavierkonzert weiter. Die Geigen waren wieder dabei, die Streicher sonst wohl ähnlich zahlreich – für Beethoven vermutlich eine Art Minimalbesetzung (vgl. erste Rezension unten), gegen die Bezuidenhout am Hammerflügel aber dennoch einen schweren Stand hatte, vor allem im ersten Satz. Es brauchte oft eine gehörige Anstrengung, im durchaus transparenten aber auch wuchtigen Gesamtklang den Flügel herauszuhören. Ich weiss nicht, ob ich zu weit vorne sass (etwas zu tief unten) und ob man in der achten oder zehnten Reihe mehr vom Hammerklavier gehört hätte – oder ob man dort erst recht gar nichts mehr hören konnte. Jedenfalls war es irgendwie imposant anzusehen, wie Bezuidenhouts Hände über die Tastatur flogen, wie er einen heroischen Kampf focht, in dem er aber immer wieder unterzugehen drohte. Nach der unfassbaren Kadenz, in der man zum ersten Mal hören konnte, wie schön Bezuidenhouts Instrument eigentlich klang (und dass es durchaus etwas Volumen besitzt, auch wenn es beim Zusammenspiel mit dem Orchester oft nahezu körperlos wirkte), hellte sich im zweiten Satz sich das Geschehen etwas auf. Der singenden Flügel verschaffte sich Gehör im Dialog mit dem drohend grollenden Orchester, zähmt dieses und bringt es schliesslich dazu, mit ihm zusammen in wohlklingenden Gesang einzustimmen. Der dritte Satz folgte direkt, explosiv, schnell … und am Ende brandete der Applaus wie eine Woge auf. Ein Wechselbad, in dem ich anfänglich durchaus den Gedanken an Beethoven hatte, wie dieser verloren an seiner Klapperkiste sass, die er fast manisch traktierte, ohne dass man was hören konnte … in der Hoffnung darauf wohl, dass dereinst ein Instrument erfunden würde, das Abhilfe schaffen würde. Bezuidenhout spielte nach mehreren Runden Applaus eine tolle Zugabe, wie ich lese das Largo aus der Sonate Op. 10 Nr. 3 (dass es Beethoven war, war mir ziemlich klar, aber ich wäre nicht drauf gekommen, was). Dann Pause, und es waren schon 90 Minuten verstrichen, die ziemlich raffiniert gemacht waren mit dem Höhepunkt Beethoven und der geradezu beruhigend wirkenden, getragenen Zugabe, in der man den durchaus schönen Klang des Instrumentes (ein neuer Graf-Nachbau) bewundern konnte.

Nach der Pause gab es dann gleich noch einen mächtigen Knall mit Schuberts fünfter Symphonie. Ausser der Celli und Bässen stand das ganze Orchester (die beiden vordersten Cellisten hatten auch den Dorn nicht ausgefahren), was – so kam es mir vor – eine rechte Ladung Energie freisetzte, die denn auch in der Musik überzeugend umgesetzt wurde. Ein Ende mit einem Knall. Was genau ich von Schuberts Symphonien (von der grossen C-Dur und der Unvollendeten mal ab) halten soll, weiss ich noch immer nicht, aber so gespielt im Konzert gerne jederzeit wieder!

Rezension der NZZ (wieder einmal Christian Wildhagen – guter Mann!):
Rezension auf Musicweb / Seen and Heard International

Jazzfest Berlin 2016 - Wadada Leo Smith, Jack DeJohnette, Globe Unity Orchestra, Steve Lehman Octet, Myra Melford, Alexander Hawkins, Julia Holter, Eve Risser, Joshua Redman, Brad Mehldau etc.



: : Donnerstag 3.11. : :

Julia Hülsmann Quartet & Anna-Lena Schnabel * *1/2
Braver, irgendwie sehr deutscher, fein-ziselierter Jazz, in sich stimmig (was im Verlauf des Festivals zum Synonym wurde für: gefiel mir nicht bzw. nur halb, aber war an sich irgendwie okay), aber doch viel zu nett, zu brav. Tom Arthurs (t), Schnabel (as), Hülsmann (p), Marc Muellbauer (b) und Heinrich Köbberling (d) steuerten je eine Komposition bei, schon im ersten Stück wurde klar, dass Schnabel die Stimme auf der Bühne war, der man mehr zutraute. Oder anders: man hofft, sie in fünf Jahren wieder zu hören, wenn der immense Druck weg ist, der an diesem Abend auf ihr lastete, und wenn sie ein paar Schritte weitergegangen ist auf ihrem musikalischen Weg (auf dem sie aber den Herren Eicher und Loch bittebitte aus dem Weg gehen mag, denn sonst klingt sie danach so wie der Rest dieses Quintetts und merkt gar nicht mehr, dass da noch mehr gewesen wäre). Schnabel spielte das Alt mit einem recht schweren Ton, blies lange Linien in einer feinen Phrasierung, die mich immer wieder an Warne Marsh denken liess. Doch sie hatte auch offensichtlich da und dort etwas Mühe – die Nervosität, die gigantischen Erwartungen, beim Eröffnungsset des Festivals auf der Bühne zu stehen, vermutlich zum ersten Mal vor so vielen Leuten … (das Festival hatte am Dienstag und Mittwoch schon in kleinerem Rahmen mit je einem Auftritt geboten). Keine Überraschung, dass Schnabels Komposition von den fünf Stücken das spannendste war. Dann Applaus, Licht an, der Deutschlandfunk überträgt live und muss schliesslich die 8-Uhr-Nachrichten pünktlich bringen – die Pause wurde dann auch sehr kurz gehalten, dass man kurz nach 20:05 wieder übertragen konnte. Hart, und meiner Ansicht nach eine völlig Fehlplanung, die sollen halt zeitversetzt senden oder mal auf die Nachrichten verzichten.

Mette Henriette * * *
Mette Henriette, die letztes Jahr auf ECM ein Doppelalbum herausgebracht hat, das ein paar Wellen schlug, trat mit ihrer grossen Formation auf: Streichquartett (im Programmheft sind zwei Celli angegeben, aber da waren nur die üblichen vier, als zwei Violinen, Viola und Cello), zwei weitere Bläser (t, tb), Bandoneon und Rhythmusgruppe (p, b, d). Die Band war mehr oder weniger im Halbkreis angeordnet, rund um Mette (erster Vorname, Henriette zweiter Vorname, Martedatter Rolvag mit Zeichen, die mir Fehlen Familienname, so dieses Konzept bei skandinavischen Namen denn Sinn macht). Die Leaderin stand im Glitterkleit mit Schmetterlingärmeln da, zunächst von hinten angeleuchtet … und ja, es gab eine richtige Lightshow, einmal kam auch ein durchsichtiger Vorhang runter, bloss die Nebelmaschine hat (wohl aus gutem Grund) gefehlt. Mette Henriette spielte Tenorsax, es gab – leider – Passagen, in denen sie Garbarek zu imitieren schien, ansonsten war nicht klar, ob bei dem ganzen Set überhaupt irgendwas improvisiert war oder ob da mehr oder minder die zweite CD des Albums aufgeführt wurde (die erste wurde im Trio mit Piano/Cello eingespielt und unterscheidet sich recht stark). Auch das in sich stimmig und für mich doch ein gutes Stück besser als die Band davor (die wohl wegen Schnabel einen halben Stern extra gekriegt hat). Dass hier pünktlich für die Neun-Uhr-Nachrichten das Licht anging, war dann nicht so tragisch … aber dieses Set war als ganzes wirklich sehr passend, die Frage stellt sich aber – im Nachhinein noch deutlicher – ob das Musik ist, die man live aufführen muss. Man kann, ganz klar, es gab auch manche schöne Details, die man im Konzert besser sehen konnte als auf Tonträger, z.B. wie die Streicher arco spielten, während reihum einer von ihnen pizzicato spielte.

Wadada Leo Smith’s Great Lakes Quartet * * * *1/2
Gross waren dann die Erwartungen an das dritte und letzte Set des Abends, an den Mann, wegen dem ich eigentlich vor allem nach Berlin fahren wollte (weil er gleich zweimal zu hören war und ich ihn noch nie live erleben konnte): Wadada Leo Smith. Sein Great Lakes Quartet besteht neben ihm selbst an der Trompete aus Jonathon Haffner (as), John Lindberg (d) und Marcus Gilmore (d). Der Unterschied zu den beiden Bands davor war vom ersten Augenblick an eklatant. Die vier legten los und es war klar, dass es hier um Alles geht. Liest man drüben im Smith-Thread seine Gedanken zur Improvisation als Überlebensnotwendigkeit nicht nur in der Musik, wird wohl auch klarer, warum dem so war. Die Musik bewegte sich nicht immer, es gab Momente der Leere, des Leerlaufes, die natürlich gekonnt gefüllt wurden, zumal von Marcus Gilmore, der mit einem unglaublich dichten, wuchtigen und zugleich subtilen Schlagzeug eine rollende Welle nach der anderen lostrat – ihm zu lauschen führte fast zu Trance. Lindberg am Bass war so gut, wie man es sich hatte wünschen können (auch ihn hatte ich nie live gehört, aber Smith hat schon öfter mit ihm gearbeitet, es gibt z.B. die feine Lindberg-CD „A  Tree Frog Tonality“ mit Smith, Larry Ochs und Andrew Cyrille). Haffner, der unbekannte auf der Bühne, war klasse, passte mit seinem zupackenden Spiel und satten Ton sehr gut neben Smiths unglaublich klare, reine, glänzende Trompete. Zum Abschluss machte Smith eine längere, launische Ansage, erzählte von „noise“ und „silence“ ( @atom und @vorgarten korrigieren bzw. ergänzen bitte!), stellte die Musiker vor und meinte „my name is Wadada, whatever that means“, aber er wisse, dass der Name sechs Buchstaben habe, worauf er ihn auch noch pflichtbewusst buchstabierte …

Ein toller Abschluss eines insgesamt gelungenen Abends – schon an diesem ersten Abend wurde klar, dass der künstlerische Leiter Richard Williams einen Plan hatte, was das Programmieren der Abende betrifft. Sein Schwerpunkt dieses Jahr war Jazz als „Kunst der Konversation, des Austauschs neuer Ideen zwischen Einzelnen, Generationen, Nationen, Geschlechtern“ (aus dem Einführungstext des Programmheftes). Dass auch ein bewusstes Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern (zumal was die Bandleader betrifft) geschaffen wurde, lässt mich aber gerade bei diesem ersten Abend durchaus nachdenklich werden: trat Smiths Band mit einer „harten“ männlichen Haltung auf, die dann quasi die „feine“ weibliche Art der beiden Acts davor wegfegte? Ich glaube nicht zu irren, wenn ich das resolut verneine. Gerade im Dialog, im aufeinander hören aber auch warten können lag die grosse Stärke von Smiths Musik. Echten Dialog gab es hingegen in den beiden anderen Bands kaum. Bloss weil die Texturen von Hülsmann so raffiniert sind und der Drummer hübsch und leise klöppeln kann, während das Klavier kleine Nichtigkeiten aneinanderreiht, ist das noch kein Dialog. Bei Mette Henriette ist der Dialog quasi in der Komposition angelegt, findet so gesehen auch statt, aber auf der Bühne hätte es als Playback mit Saxophonsolistin den gleichen Anteil an Kommunikation gegeben.



: : Freitag 4.11. : :

The Jazz Loft According to W. Eugene Smith
Freitagnachmittag besuchten wir die Vorführung von Sara Fishkos leider recht schlechtem Film über das Jazz Loft und den Photographen W. Eugene Smith. Dass dieser grossartige Photos (besonders Kriegsphotographien) gemacht hat, dürfte ja bekannt sein, seine krasse Lebensgeschichte (schwer verwundet gegen Ende des 2. Weltkrieges, später Familie sitzen gelassen, um in dieses Loft zu ziehen, dann manisches Aufzeichnen von allem, von den Jams über Radio und Fernsehen bis hin zu Telephongesprächen, das ganze Treppenhaus mit Mikrophonen versehen etc.) kannte ich nicht, aber der Film wollte viel zuviel reinpacken – er war hektisch und überfrachtet mit Kommentaren und schnell geschnittenen Photos usw. Über den Jazz im Loft (über Smith lebte Hall Overton, dessen Loft Smith teils auch mit Mikrophonen versehen hatte, das fand aber nur am Rande statt im Film) erfuhr man nicht sonderlich viel, das beste waren noch die Proben zu Monk at Town Hall (arrangiert in enger Zusammenarbeit mit Monk von Hall Overton). Wie ein Overton-Schüler erzählte, dass direkt am Ende seiner Lektion Monk gekommen sei und die beiden am Klavier die Stücke ausgecheckt hätten, Monk Phrase für Phrase vorgespielt und wiederholt, Overton alles auf Notenpapier transkribiert etc., das war schon sehr faszinierend zu hören. Es gab dann auch kurze Schnipsel (inkl. Photos dazu) von den Proben mit der Band – das wäre auch mal was für eine solche “Session Reels“-Veröffentlichung wie gerade von Miles erschienen …

Joshua Redman – Brad Mehldau Duo * * *
Der zweite Abend begann mit dem Posterboy und dem abgetakelten Junkey, perfekter Schwiegersohn und Schwiegerelternschreck, zusammen spielten sie geschliffenen Postbop, Charlie Parker-Tunes („Cheryl“ war wohl mein Highlight) und mehr. Redman war leider (ich war durchaus offen für eine positive Überraschung) viel zu souverän-geschliffen, als dass richtig was hätte entstehen können, den besten Dialog gab es bei den Klavier-Soli zwischen Mehldaus beiden Händen. Die beiden kamen trotz inszenierter Lockerheit überaus sympathisch rüber und das merklich jüngere Publikum des Abends dankte es mit grossem Applaus. Der Deutschlandfunk hatte das Nachsehen, die beiden spielten das wohl längste Set des Festivals (wohl um die 80 Minuten) und durften auch eine Zugabe spielen. Was bei Redman so ermüdend war: dass er in jedem Solo ALLES spielen musste, was er kann. Kein Mut zur Lücke, kein Gespür für Timing, kein Plan, wie man Pausen, wie man Stille einsetzen kann. Anders Mehldau, dem ich solo wohl gerne mal wieder im Konzert lauschen würde, er hatte naturgemäss weniger Raum, aber seine besonderen Schattierungen schimmerten immer wieder durch.

Globe Unity Orchestra * * * *
Danach folgte die Gruppe, auf die ich am meisten gespannt war – und klar: Mut zur Lücke braucht man da nicht zu fordern, denn Lücken gibt es in diesem Universum schlichtweg nicht. 50 Jahre nach dem ersten Auftritt des Globe Unity Orchestra im Rahmen des Jazzfest Berlin 1966 trommelte man einige der damals beteiligten sowie Musiker jüngerer Generation zusammen. Das Line-Up muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Alexander von Schlippenbach (p), Paul Lovens & Paul Lytton (d), Evan Parker (ss), Ernst-Ludwig Petrowsky, Henrik Walsdorff (as), Daniele D’Agaro, Gerd Dudek (ts), Rudi Mahall (bcl), Manfred Schoof, Tomasz Stanko, Jean-Luc Capozzo, Ryan Carniaux (t), Axel Dörner (slide t), Wolter Wierbos, Christoph Thewes, Gerhard Gschlössl (tb), Carl-Ludwig Hübsch (tuba). Die ganze Truppe stand im Halbkreis auf der Bühne, links Schlippenbach am Klavier, rechts Lovens an den Drums, nur Lytton war seltsamerweise in die zweite Reihe relegiert worden. In der Mitte gab es in paar Solo-Mikrophone, zu denen sich die Bläser reihum hinbewegten, sich einst da ihren Platz aber bald wieder gegen die Meute verteidigen mussten – zunächst Luten mit Gehstock, dann die beiden Veteranen Dudek und Schoof, danach die jüngere Garde, Mahall natürlich als einziger dreimal. Es gab auch immer wieder etwas Bewegung im Halbkreis, Mahall ging zu den Posaunen rüber, die Trompeten spielten ihr Tutti ohne Dörner, der sich dann zu Posaunen und Tuba gesellte … insgesamt ein tolles, hochenergetisches Set, in dem aber zuwenig Platz war für ruhigere Momente – der beste: Parker am Sopran, wie üblich mit Zirkuläratmung – für einen Moment schien alles stillzustehen. Beim Publikum kam diese rohe Musik nicht gut an, ich hatte den Eindruck, dass viele v.a. wegen des Duos zu Beginn gekommen waren (direkt vor uns sassen zwei, die wohl statt Globe Unity zu hören essen gingen, aber nach zehn Minuten Melford waren sie dann auch schon wieder weg).


Myra Melford’s Snowy Egret * * * *
Das letzte Set des Abends las sich auf dem Papier spannend, aber auch so, dass ich keine klare Erwartung hatte: Ron Miles (cor), Myra Melford (p), Liberty Ellman (g), Stomu Takeishi (ac b-g), Tyshawn Sorey (d), David Szlasa (video). Fangen wir gleich mit den Video-Projektionen an, die wie Melfords Stücke als Erkundung der „Schriften des urugayischen Journalisten, Essayisten, Fabulisten und Romanciers Eduardo Galeano (1940-2015)“ zu verstehen sind. Die Bilder waren von einer hart auszuhaltenden Plattheit, aber nach ein paar Minuten hatte man sie verdrängt, schwankte mit dem Blick höchstens nochmal auf die Leinwand hinter der Bühne, um sich zu amüsieren … musikalisch hatte die Band es allerdings in sich. Das Quintett ging wohl so behutsam zur Sache wie Hülsmann/Schnabel am ersten Abend, aber man bewegte sich hier in der Schwergewichtsklasse. Soreys gebändigte Energie war beeindruckend, wie dieser gewaltige Mann so präzise, so flink und zugleich so kontrolliert spielen kann, ist ein Ereignis zu beobachten. Miles‘ Kornett durchmass den Raum, während Ellman und Takeishi von Sorey auf Trab gehalten wurden, aber auch ihr längst erprobtes Zusammenspiel (immerhin seit 2001 in Henry Threadgills Band „Zooid“) auf neue Spitzen trieben. Takeishi wirkte ein wenig wie ein Derwisch, in weisse gewandet, barfuss, mit seiner akustischen Bassgitarre herumtänzelnd. Ein sehr schönes Set, bei dem bei mir allerdings die Müdigkeit ihren Tribut forderte …



: : Samstag 5.11. : :

Angelika Niescier – Florian Weber Quintet * *
Der Auftakt des dritten Abends brachte, ich kann es nicht anders sagen, den Tiefpunkt. Links am Klavier sass Co-Leader Florian Weber, davor Angelika Niescier (as), und daneben, als gäbe es eine unsichtbare Mauer auf der Bühne, standen Eric Revis (b) und vor ihm Ralph Alessi (t), am rechten Rand dann Gerald Cleaver (d). Gerade auf Cleaver hatte ich mich gefreut, aber die drei Sidemen versprachen überhaupt einiges. Leider war das Material, das Niescier und Weber ihnen vorlegten, eine ziemliche Frechheit. Schwierig zu spielen, aber ohne Fleisch am Knochen, Ausgangspunkte für eine Art Ego-Show von Niescier, die sich in jedem Solo erneut in eine Intensität steigerte, die mir doch recht kalkuliert, abgekartet vorkam. Daneben setzte Alessi ein paar solistische Höhepunkte, während Weber nicht viel bot und die Rhythmusgruppe leider über das ganze Set hinweg an der kurzen Leine gehalten wurde, Cleaver wirkte fast schon wie sediert, erst gegen Ende gab es fast einmal eine Art Dialog mit Niescier – aber das war auch der einzige kommunikative Moment des Sets, wenn man mal von den etwas peinlichen Ansagen der beiden Co-Leader absieht. Dieses Set war am Ende nicht einmal in sich stimmig; da waren links die von sich selbst in allem Masse eingenommenen Leader und rechts die drei ihnen musikalisch überlegenen Lohnarbeiter, die ziemlich lustlos am Knochen herumnagten, den man ihnen herübergeworfen hatte.

In Sachen peinliche Ansagen noch dies: Lieber Richard Williams, einfach Englisch reden und die Wortschleudern vom Radio bitte von der Bühne verbannen; soviel Ignoranz in so hübschen Floskeln ist hart zu ertragen!

Nik Bärtsch – hr-Bigband * * *
Weiter ging es dann mit Nik Bärtsch und dessen Band Ronin (Sha-bcl, Björn Meyer-elb, Kapsar Rast-d) und der hr-Bigband unter der Leitung von Jim McNeely, der auch für die Arrangements von Bärtschs Stücken verantwortlich zeichnete. Das war das nächste „stimmige“ Set, auch wenn die Big Band letztlich wenig zum unterkühlten Minimal-Funk Bärtschs zutragen konnte. Die Arrangements waren sparsam aber durchaus gelungen, der solistischen Beiträge dankenswerterweise nur wenige, das ganze groovte ganz flott, Gitarrist Martin Scales fand sich hervorragend ins Geschehen ein (während der Percussionist der Band, Claus Kiesselbach, leider absurd laut verstärkt war, seinen Triangel hörte man lauter als Rasts Snare). Bärtsch kam in seinen Ansagen sympathisch rüber und erzählte die Geschichte, wie bei seinem ersten Auftritt am Jazzfest vor 10 oder 15 Jahren eine Nebelmaschine bestellt gewesen sei, stattdessen aber eine Rauchmaschine geliefert wurde, und wie sie dann das Publikum zuqualmten … Insgesamt war das aber sowas wie „minimal music for the people“ und man hatte es auch wenn man sehr gutmütig ins Konzert ging, nach fünfzehn oder zwanzig Minuten durchschaut. Doch beim Publikum kam es sehr gut an.


Jack DeJohnette – Ravi Coltrane – Matthew Garrison  * * * *1/2
Wie am ersten Abend lag die Hoffnung auch hier vor allem auf dem Abschluss-Set, und wie am ersten Abend wurde die Hoffnung nicht enttäuscht. Ebenfalls wie bei Smith gab es auch hier Momente, in denen die Gruppe wartete, in denen die Musik Atem holte, sich neu sammeln musste, bis zum nächsten „Ereignis“. Diese stark mit Chicago und der AACM verbundene Spielhaltung finde ich immer noch sehr beeindruckend. In manchem ist sie das genaue Gegenteil der „play it all“-Spielweise eines Redman, einer Niescier, ein Aushalten-Könnnen, das nicht künstlich forciert, aber blitzschnell reagiert und offen ist, um in jede Richtung weiterzulaufen – was ja wiederum kaum geht, wenn man pausenlos vorwärts hetzt. DeJohnette sass anfangs ganz kurz am Klavier, spielte etwas schnörkelig, während Coltrane am Sopran ein paar Töne setzte und Garrison mit seinem elektrischen Bass, den Samplers und sonstigem Equipment langsam in die Gänge kam. Am Ende war das ein unglaublich tolles Set, das mich völlig beglückt ausspuckte, ohne jegliches Gefühl für Raum und Zeit. Wie die drei aufeinander reagierten, wie DeJohnette auf die Elektronik, die Samples und Klangwälle von Garrison einging, mit noch so kleinen Verschleppungen und Verschiebungen, das war ganz grosses Kino – dargeboten aber in der kleinen Geste der Beiläufigkeit. Meisterschaft, die sich nicht gross zu verkaufen braucht, wer hören will, für den ist sie einfach da – wunderbar. Noch knapper als bei Smith ist das an den fünf Sternen vorbei – doch an sich verdienen, wie vorgarten richtig meinte, beide die vollen Fünf, allein schon wegen der Haltung.

Lucia Cadotsch Trio *
Wir sassen danach noch etwas im Foyer im ersten Stock herum, tranken ein Glas Wein, ich hoffte, noch etwas mit Alexander Hawkins quatschen zu können, der schon am Vorabend anwesend war (er musste sich ja wenigstens ein paar Tage mit der Orgel in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche befassen, bevor er Sonntagnachmittag dort mit Smith spielen würde). In dieses Foyer wurden wohl alle Konzerte live übertragen, mit grosser Leinwand und ziemlich guter Soundanlage. So liessen wir dann das ganze Set von Lucia Cadotsch über uns ergehen, los ging es mit „Don’t Explain“, später folgte gar noch „Strange Fruit“ (früher traute ich mich nicht, es zu singen, aber alles ist immer noch so schlimm) und auch „Moon River“ durfte nicht fehlen – Fazit: grauenvoll. Ich wusste, was einen da erwartet, vorgarten hat’s eiskalt erwischt. Aber gut, wir hätten ja anderswo was trinken können …

Ein Aspekt aber, weil es halt diesen Gender-Schwerpunkt gab (im grossen Programmheft oder Begleitheft gab es auch einen ziemlich oberflächlichen und in manchen Formulierungen geradezu absurd linkischen Artikel von Wolfram Knauer über die „fragwürdige Männlichkeitsästhetik im Jazz“): bei Cadotsch waren die ganzen alten Männer, die an diesem dritten Abend wieder in erschlagender Mehrheit anwesend waren, beglückt. Das tut nicht weh, das ist hübsch anzugucken – und schon sind die Geschlechterklischees wieder da, und das gleich noch in extremis. Frau darf singen und hübsch ausschauen, viel mehr ist nicht.



: : Sonntag 6.11. : :

Wadada Leo Smith & Alexander Hawkins * * * * *
Um 15 Uhr gab es in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche ein Duo-Konzert: Alexander Hawkins spielte an der Kirchenorgel mit Wadada Leo Smith (Trompete). Ein grossartiges Set, knapp und präzis, sehr frei, und faszinierend was das Zusammenspiel der beiden betraf. Smith glänzte einmal mehr mit diesem unglaublich strahlenden, fast stechenden Ton, Hawkins liess die Orgel mächtig aufklingen aber auch leise säuseln. Die sublimierten Blues-Wurzeln von Smith kamen in diesem Rahmen noch stärker zum Vorschein als mit seinem Quartett. Für mich das Highlight des Festivals, aber ich finde gar nicht die passenden Worte.

Spät am Abend hatte ich die Gelegenheit, Smith die Hand zu schütteln und mich bei ihm zu bedanken, als ich mich nur rasch von Hawkins verabschieden wollte.

Artist talk mit Steve Lehman, Eve Risser, Wadada Leo Smith
Wir gingen dieses mal schon eine Stunde früher ins Festspielhaus, um den halbstündigen Artist Talk mit Risser, Lehman und Smith anzuhören. Die drei äusserten sich dazu, wie sie es anstellen, ihre Musiker auf Trab zu halten, nicht in vorgefertigte Muster zu fallen, und nach kurzer Zeit schon richtete Risser sich an Wadada und dieser erteilte ihr quasi öffentlich eine Lektion, die geradezu rührend war. Er wiederholte dabei auch ein paar Dinge, die er in seiner Absage ein paar Tage zuvor gesagt hatte, gab sich dieses Mal aber Mühe, sich halbwegs verständlich zu äussern. Lehman ging dabei etwas unter, aber neben den beiden anderen wirkte er eh nicht sonderlich kommunikativ (und seine Baseball-Cap blieb natürlich immer auf).

Julia Holter & Strings * * *1/2
Den Auftakt des letzten Abends machte Julia Holter – wir sassen nun erstmals unten, ziemlich weit hinten. Ein guter Posten, wie sich herausstellte, um den Leuten beim Verlassen des Saales zuzuschauen („go to Glastonbury“ rief einer). Holter stand vorne an ihrem Keyboard, regungslos, nur zwischen den Stücken dann und wann ein Wort an die Band. Im Gegenteil zu einem Sitznachbar, der am Ende des Sets meinte, „wenn sie doch wenigstens singen könnte“ hatte ich an Holters Fähigkeiten keine Zweifel. Das Konzert, das insgesamt ähnlich statisch war wie jenes von Mette Henriette (und eine kleine Lightshow gut hätte gebrauchen können), hat mir erstmals einen Zugang zu Holters Musik geöffnet … die vier Alben sind jetzt unterwegs, mal schauen, ob es denn jetzt klappt. Schwachpunkt wenigstens in diesem Rahmen war Drummer Corey Fogel (der beim Spielen auch Stricken kann), aber insgesamt wirkte die um zwei Streicher (Viola ist schon in der Stammbesetzung, Violine und Cello stiessen dazu – keine Namen im Programmheft) ziemlich gut eingespielt.

Steve Lehman Octet * * * *1/2
Das erwartete Highlight fand sich diesmal wie am zweiten Abend in der Mitte – und wie am zweiten Abend sollte auch diesmal das Abschluss-Set eine höchst erfreuliche Überraschung werden. Steve Lehmans Oktett ist seit einigen Jahren unterwegs und hochkarätig besetzt, einzig der Drummer (nochmal ein anderer als im Programm angekündigt) war nicht vertraut, der reguläre Drummer der Gruppe ist Sorey, der mit Melford in Berlin spielte. Lehman (as), Mark Shim (ts), Jonathan Finlayson (t), Tim Albright (tb), Jose Davila (tuba), Chris Dingman (vib), Drew Gress (b), Cody Brown (d). Lehman liess zunächst anderen den Vortritt. Mark Shim, in den 90ern kurz als talentierter Newcomer gehandelt (zwei Alben auf Blue Note, ein drittes an der Seite von Greg Osby, Jason Moran und Stefon Harris, dann nichts mehr), war die coolste Sau auf der Bühne mit Wollmütze und einem nonchalanten Auftreten, das kaum zu toppen ist … aber mit einem tollen Tenor, klanglich von Joe Henderson geprägt. Finlayson hatte mich schon im Januar im Quintett von Muhal Richard Abrams beeindruckt (mehr dazu weiter oben in diesem Thread). Beide glänzten sie auch im Lehman Octet mit tollen Soli, aber als der Leader dann seine ersten Töne blies (plötzlich verstand ich, warum Jackie McLean ihm wichtig ist), wurde die Musik doch nochmal auf ein anderes Level gehoben. Die Bezüge zur Spektralmusik erschliessen sich mir noch nicht, da ich diese noch überhaupt nicht kenne, aber mit Andrew Hill oder Bobby Hutcherson (der ja mit McLean ein paar phantastische Aufnahmen gemacht hat) gibt es doch auch Referenzen innerhalb des Jazz. Der einzige Fehler dieses mitreissenden Sets war seine Kürze, vielleicht auch die konstante Nervosität der Musik, die mich allerdings nicht störte, es gab durchaus Momente der relativen Ruhe, aber ein weniger dichtes Set mit etwas mehr Luft könnte wohl nochmal toller sein. Die Kürze mag auch am Kalender gelegen haben, handelte es sich doch um das fünfte und letzte Konzert einer fünftägigen Tour mit den Stationen: Amsterdam, Malaga, Tampere, Vincennes und Berlin. Wir waren übrigens nach dem Beinah-Tumult bei Holter überrascht, wie gut Lehmans doch etwas kühle und überaus anspruchsvolle Musik ankam. Die Beobachtung, die sich durchzog war, dass Sets, die für jeden sichtbar/hörbar technisch Anspruchsvolles boten (vgl. auch Bärtsch/hr, aber durchaus auch Hülsmann/Schnabel und Weber/Niescier) generell besser aufgenommen wurden als Sets, bei denen mit dem Können nicht so geprotzt wurde (DeJohnette, Smith) oder bei denen das Augenmerk auf ganz anderen Dingen lag (Holter, Globe Unity, irgendwie auch Mette Henriette, aber die wiederum ist so hübsch, dass sie dennoch gut ankam … there we go again).

Eve Risser’s White Desert Orchestra * * * *1/2
Danach einige Skepsis … ob die sympathische junge Frau von vorhin der Aufgabe gewachsen ist, nach diesem Feuerwerk zu reüssieren? Der Einstieg verlief zunächst etwas zögerlich, doch das erwies sich rasch als Programm, es gab Musik mit weiten Bögen, die grosse Intensität aufbaute und mit zahlreichen unerwarteten Klängen aufwartete, die in den intensivsten Momenten funky as hell sein konnte, oder auch frei und lärmig wie zuvor bei Globe Unity gehört. Die existentielle Erfahrung, die Risser davor im Gespräch mit Smith preisgegeben hatte, schien dieser Musik tatsächlich innezuwohnen. Risser selbst sass am linken Rand am teils präparierten Flügel, in der hinteren Reihe sassen Julien Desprez (elektrische und akustische Gitarren mit Effekten), Sylvain Darrifourcq (allerlei Schlaginstrumente, u.a. eine aufgehängte riesige Trommel, aber auch ein Drum-Kit) und Fanny Lasfargues (an der verstärkten akustischen Bassgitarre – dasselbe Instrument, wie Stomu Takeishi es benutzt). In der vorderen Reihe standen Trompeter Eivind Lonning (er spielte die übliche Trompete in B und eine etwas kleinere, höhere, vermutlich eine in C, aber ich weiss es nicht), Fidel Fourneyron (Posaune), Benjamin Dousteyssier (Tenor- und Basssaxophon), Antonin-Tri Hoang (Altsax, Klarinette, Bassklarinette), Sylvaine Hélary (Querflöte, Piccolo … wohl auch noch Alt- und Bassflöte) und Sophie Bernado (Fagott). Im Programmheft liest man Floskelhaftes wie, Risser versuche (man gibt das als Zitat von ihr aus) „ein Gleichgewicht zwischen maskulinen und femininen Energien herzustellen“ oder: „Ich werfe mich vor das Publikum, völlig ungeschützt“. Ersteres passte wohl gerade gut ins Konzept, doch wirkte die Gruppe tatsächlich sehr ausgeglichen, die Piccolo-Flöte konnte sich ebenso Gehör verschaffen wie das Bass-Saxophon (whoah!), von der enorm coolen Bühnenpräsenz Fanny Lasfargues‘ ganz zu schweigen. Risser selbst mag damit kokettieren, sich ungeschützt vor das Publikum zu werfen … sie hat ja diese ganze Band um sich, die sie gewissermassen schützt, aber dennoch stimmt es tatsächlich, was da zu hören ist, atmet diese existentielle Erfahrung, über die sie davor gesprochen hatte, setzt sie um in Töne – und hat mich am Ende sehr glücklich zurückgelassen (vorgarten wird feststellen, dass ich im Rating noch einen halben Stern hoch bin, seitdem ich bei Bier und Vodka Sternchen hinten ins Programmheft gekritzelt hatte, ansonsten sind die Ratings mit einer Woche Abstand noch die gleichen). (Hörproben auf Soundcloud)


Nachtrag:

Ein paar weitere Dinge, die unbedingt erwähnenswert sind: das Sopranino-Solo von Ravi Coltrane, der abstrakte Blues im letzten Drittel oder so von Smith/Hawkins, das feine Kornett von Ron Miles.

Das Festival als ganzes zu erleben war eine tolle Erfahrung: eine Art „Leistungsschau“, ein Schaulaufen des aktuellen Jazz in fast seiner ganzen Breite (es fehlte am Avantgarde-Rand doch das eine oder andere, finde ich, aber im Vergleich mit dem, was das Jazzfest in den letzten 15 Jahren oder so bot, war das schon schwer in Ordnung, aber es ist ja recht klar, welche Acts ich weggelassen hätte, u.a. die Publikumslieblinge Redman/Mehldau, bzw. ich hätte Mehldau halt einfach solo gebucht … übrigens habe ich wegen meiner klaren Worte zu Niescier ja schon Haue einstecken müssen, ich werde mir den Mitschnitt noch einmal anhören, irgendwann, aber mit den Bildern im Kopf, dem in der Tat fast kommandierten Zusammenstehen am Schluss, wird es mir schwerfallen, da offen für eine andere Meinung zu sein – Weber hat übrigens in meiner Erinnerung kein einziges Solo gespielt. Dem war gewiss nicht so, aber da kam halt einfach wirklich gar nichts, als Gedankenexperiment würd ich die vier ohne Weber mal ein Programm mit Dolphy-, Ornette-, Ken McIntyre-, Cherry-, Mingus-Stücken spielen lassen und schauen, ob das nicht besser käme … fände es auch interessant, Alessi mal in einem solchen, wie soll ich sagen, etwas weniger polierten Rahmen zu hören – im besten Fall wäre das Material natürlich eigenes, aber das scheint ja nicht so gut zu klappen).

Bei DeJohnette hatten wir ja überhaupt das Gefühl, dass da so ziemlich planlos drauflosgespielt wurde, in der Erwartung dessen, was halt kommen würde, bzw. im Wissen darauf, dass etwas kommen würde. Das war ja auch immer wieder der Fall, und tatsächlich hat mir dieses Konzert dann doch besser gefallen als Dir, und dabei war es das, wo Du mich danach etwas überrascht gefragt hattest, ob es mir denn gefallen habe – you bet!

Bei Risser fand ich ordentlich viel Improvisation dabei, vielleicht nicht im üblichen Jazz-Sinn („Solo“, obwohl die gab es ja durchaus auch, von allen Musikern wenigstens eines, zu Beginn z.B. der tolle Trompeter, danach die Fagottistin und die Flötistin), aber es passierte, so dünkte mich, im vorgegebenen Rahmen doch einiges Spontanes, z.B. in der langen freien Passage von Desprez an der elektrischen Gitarre mit Effekten, aber auch vom Bass oder vom höchst unkonventionelle Schlagzeug kamen immer wieder überraschende Impulse. Es war aber stark Gruppenmusik, doch als solche finde ich deutlich agiler und aktiver als jene von Mette Henriette, die ja teils schon sehr statisch war und manchmal doch an Filmmusik denken liess.


Was Lehman betrifft, ja, das war definitiv deutlich druckvoller als auf CD. Auf CD rechne ich das, wegen der obigen Bemerkung, zu den „etwas polierten“ Sachen – geht wohl irgendwie im Studio bei dieser Musik gar nicht anders, da sind alle permanent auf heissen Kohlen und mit den Zehenspitzen am Boden. Live müssen sie dann halt mal loslassen und das ging auch hervorragend, auch die Bühnenpräsenz (oder -absenz) der Musiker gefiel mir gut, wie sie irgendwann verschwanden, Coleman Lehman am Ende unbegleitet spielte, während Dingman sein Vibraphon umbaute (um auch noch für 10 Sekunden zu verschwinden, bevor alle wieder ihre Plätze einnahmen). Das hatte in echt etwas sehr viel Organischeres als auf CD, man sieht halt, dass diese unfassbare Musik tatsächlich direkt vor der eigenen Nase Form annimmt. Drummer Cody Brown vergass ich auch noch zu erwähnen, denn für Tyshawn Sorey einzuspringen ist ja an sich nichts, was einem Drummer gut bekommen kann. Das klappte aber hervorragend, Brown spielte präzise, unglaublich differenziert, oft fast etwas leise, aber dennoch äusserst druckvoll. Das Wechselspiel zwischen Ensemble und Solo fand ich übrigens ganz besonders reizvoll, auch wenn es schon stimmt, die Soli sind eigentlich auch nur eine Facette mehr im Ganzen, nicht wichtiger als die Verzahnungen und Verschiebungen zwischen Tuba, Bass und Drums oder die schwebenden Sphärenklänge vom Vibraphon. (Wird es mal ein Line-Up mit Ondes martenot geben? Kaum vorstellbar, aber geil wär’s schon.) Dennoch fand ich gerade die Soli grossteils hervorragend, nicht nur jene von Lehman selbst sondern auch die von Finlayson, Shim, Albright … die gingen auch jeden Moment aufs Ganze, aber es hatte im Rahmen dieser ohnehin enorm verdichteten Musik nie den verheerenden Effekt wie es bei Redman oder Niescier der Fall war.

Jazz gegen Apartheid Frankfurt «Celebrating the music of Johnny Dyani» - Basel, 27. Oktober 2016

Claude Deppa: trumpet
Tobias Delius: tenor sax, clarinet
Daniel Guggenheim: tenor sax, soprano sax
Allen Jacobson: trombone, euphonium
Christopher Dell: vibraphone
John Edwards: bass
Makaya Ntshoko: drums

Tolles Konzert gestern abend im Bird's Eye in Basel. Makaya Ntshoko machte anfangs einen etwas unsicheren Eindruck, aber nach ein, zwei Stücken war das vergessen. Das Material stammte (bei der Zugabe war ich nicht sicher, glaub das war ein Brotherhood-Klassiker) vollständig aus der Feder von Johnny Dyani, mit dem dieses Frankfurter Festival, das heuer in Basel zu Gast war, einst konzipiert wurde. Dyani verstarb jedoch kurz vor der ersten Ausgabe.

Claude Deppa, der andere Südafrikaner in der Gruppe, war klasse, zugleich sehr melodisch und lyrisch aber auch frech und geistreich – voll von der „badness“, die den Hard Bop so attraktiv macht, wenn man genauer hinhört. Jacobson (ein Kanadier, den ich zuvor nicht einmal dem Namen nach kannte) war ebenfalls beeindruckend, an der Posaune mit einer beeindruckend sicheren Höhe, am Euphonium unglaublich virtuos – doch wie beim besten Hard Bop gab es den ganzen Abend über kein leeres Schaulaufen. Auch die zwei Saxophonisten waren toll, vor allem Tobias Delius, bekloppt wie immer, Honks, Schreie, Growls (die gab’s bei Deppa auch – Ellington-Anklänge), insistieren auf einem Ton, einem kleinsten Motiv, aber auch virtuose Ausbrüche. Ein paar Male griff er zur Klarinette, die er natürlich ebenfalls komplett beherrscht, und auf der er eine beeindruckende Lautstärke erreicht. Guggenheim war neben Jacobson der andere mir unbekannte Musiker, am Tenor ebenfalls stark aber etwas konventioneller, sehr gut war er am Sopran, das er in manchen Stücken in längeren Passagen unisono mit Deppa spielte – die beiden kommen offensichtlich sehr gut miteinander zurecht. Dell am Vibraphon war unglaublich, schon im zweiten oder dritten Stück spielte er ein atemberaubendes Solo – unfassbar, wie die vier Schlegel nur noch durch die Luft flogen. In die Ensembles brachte er eine schöne Farbe rein, als einziges Harmonieinstrument der Gruppe, setzte aber auch immer wieder mal aus. Edwards am Bass war Herz und Bauch der Gruppe, Fels in der Brandung, der alles auffing, die anderen antrieb (auch vokal – Mingus lässt grüssen, in der Tat dachte ich auch öfter an Aufnahmen des Mingus Workshops, ca. 1961/62, die Birdland-Broadcasts etwa). Ntshoko war ziemlich gut, ohne dass er je gross im Zentrum stand, zurückhaltend, manchmal fast schon karg, ziemlich ruppig und sehr direkt – seine Hipness ist wohl, dass er gar nicht erst versuchen muss, hippen Shit zu spielen.

Das beste war aber, wie gut die sieben als Band funktionierten, zugleich spontan und frei, aber im Zusammenspiel enorm präzise – was nicht heisst, dass Delius nicht einen Wimpernschlag neben den anderen spielen konnte, dass Edwards oder auch Ntshoko mal den Beat auf den Kopf stellten. Da es sich um ein Dyani-Memorial handelte, war es natürlich toll, Edwards am Bass zu haben, der wohl insgesamt zupackender und konventioneller spielte als üblich, aber den Abend offensichtlich genoss. Sehr schön finde ich auch, dass die Verstärkung im Bird’s Eye auf ein Minimum beschränkt ist, nur Bass und Vibraphon hatten Mikrophone, der Rest war rein akustisch – und auch das klappte wunderbar. Die typisch südafrikanische Manier, leicht nebeneinander zu spielen und durch die entstehenden Unreinheiten und Reibungen, manchmal auch Dissonanzen, Spannung zu erzeugen, ist ja etwas, war mir enorm gefällt – eine Gruppe live zu erleben, die das so gut beherrscht, finde ich erst recht toll.

Im Publikum sass übrigens auch Irène Schweizer, die öfter mit Ntshoko gespielt hat – finde ich sehr schön, dass sie immer wieder auftaucht, sowohl bei alten Weggefährten wie auch bei jungen Talenten.

Jazzfestival Willisau 2016 - John Edwards, John Zorn, Cyro Baptista, Marc Ribot, John Medeski, Mat Maneri/Randy Peterson, Joachim Kühn, Tobias Meier etc.



Jazzfestival Willisau, Samstag 3. September

In Mülhausen schaute ein enger Freund des einen Bekannten vorbei, den ich ebenfalls seit einigen Jahren kenne und mit dem ich einige tolle Konzerterlebnisse teile (die anderen beiden gehen bis in die Siebzigerjahre zurück). Der fragte mich (das war vor dem Solokonzert von Clayton Thomas), ob ich denn am darauffolgenden Samstag nach Willisau ginge, da gäbe es einen John Zorn-Marathon ... ich sah zunächst nur den Konzertblock um 14 Uhr und war noch viel zu absorbiert vom Météo (das ja noch nicht einmal zu Ende war). Auf dem Zug heim, am Sonntagmittag, buchte ich dann ein Zimmer und kaufte Tickets für die beiden Hauptkonzerte am Samstag, das Schlusskonzert am Sonntagnachmittag und für John Edwards, der am Samstag um 11 Uhr im Rathaus solo spielen würde. Letzteres war sehr passend, denn Edwards ist nicht nur zweifelsfrei jener Musiker, den ich dieses Jahr am häufigsten gehört habe, er ist wohl auch mein derzeitiger Lieblingsbassist (nicht dass ich sowas wirklich habe, aber ...) - und wir unterhielten uns in Mülhausen nach den Solo-Sets von Majkowski und Thomas (und Parker, der ja solo kaum Bass spielte) darüber, dass es doch toll wäre, nun auch noch John Edwards solo zu hören.

Es galt also, früh aufzustehen, um acht Uhr einen von Wandergruppen, Rotwein saufenden Senioren eines Männerturnvereins auf Wochenendausflug etc. völlig überfüllten Zug zu besteigen, in Luzern am Bahnhof mich durch die alle diese in Funktionskleidung gehüllten Stadtflüchtlinge und Landverklärer zu kämpfen und den Bummelzug ins Hinterland nach Willisau zu nehmen. Dort rein ins hübsche alte Städtchen (eine breite Gasse, Samstagmorgen mit Bauernmarkt ... und Strassencafés, bei denen die örtlichen Rentner ihren Frühschoppen tranken ... ich lief direkt in John Edwards rein, der mit einer roten Plastic-Sonnenbrille aus dem Rathaus kam und mich erkannte, wir quatschen ein wenig, er ging dann in ein anderes Café, wo die vom Festival sassen, ich trank einen doppelten Espresso ...

Erst kurz vor 11 füllte sich der Theatersaal im Dachstock des Rathauses - drei Treppen hoch (für den Kontrabass gibt es einen Lift), ein witziger Saal mit naiven Trompe-l'oeil-Malereien (die natürlich kein Auge zu täuschen vermögen), Helvetia in Stein aufs Holz gemalt. Edwards spielte ein Solo-Set, das so ziemlich alles in den Schatten stellte, was ich an Bass-Solo bisher gehört habe (die Ausnahme ist Christian Weber) - und das frühe Aufstehen und leiden im Zug hatte sich schon einmal gelohnt. Unter den anderen frühankömmlingen fand sich auch der Herr, der die Fabrikjazz-Konzerte und das Taktlos organisiert sowie seine Frau (Partnerin, das weiss ich so genau nicht, aber Frau an seiner Seite jedenfalls, das ist es ja worum es geht) und als wir herausfanden, dass ich im selben "B&B" ein Zimmer hätte, erzählten sie mir belustigt vom Weg dahin ... ca. ein Kilometer aus dem Dorf heraus, der Landstrasse entlang (zum Glück heute mit Fahradweg auf beiden Seiten - in der Gegend ging ich auch schon mitten in der Nacht direkt am Strassenrand, wo die Autos 80 fahren dürfen, aber wenn es gerade aus geht auch gerne etwas tiefer drücken - selbstmörderisch, aber als Soldat nach einigen Bieren und einem guten Abend mit Kollegen, was tut man da nicht alles für besagte Helvetia? In der Wiese gehen? Bestimmt nicht, dann müsste man die Schuhe putzen ...). Also: Supermarkt rechts, Bahnübergang, Solarium links, Aldi links, nächster Supermarkt links, dann nichts und schliesslich rechts ein Komplex in dem gerade irgendwelche "ladies" angefeuert werden, die vor dem Fitness-Studio einer tumben Samstagnachmittagsbeschäftigung nachgehen ... dahinter ein Laden für Biker, darüber das Hotel, und noch weiter hinten, wie könnte es anders sein, nicht nur ein Bauernhof sondern gut Schweizerisch auch das Schützenhaus. (Zimmer war aber völlig okay, Service nett, Sonntagsbrunch spitze, Preis insgesamt völlig im Rahmen.)

Gut, dann wieder an der prallen Sonne (dafür hatte ich ja in Mulhouse schon geübt) zurück zum Festivalgelände gehetzt, das etwas ausserhalb des Dorfzentrums, natürlich auf der anderen Seite, liegt. Auf den Tickets stand schliesslich was von Türöffnung 12:30. Konzertbeginn war auf 14 Uhr angesetzt, bald klebten da Zettel, dass Türöffnung um 13:30 sei, man sich für den Fehler auf den Print-at-home-Tickets entschuldige. Ebenfalls hingen da Zettel, auf denen im Namen von John Zorn jegliches Photographieren und Mitschneiden untersagt wurde: man sei schliesslich hier, genau um zusammen hier zu sein, jetzt, und zu erleben, was man erlebt. Gut. Das hat dann auch geklappt, nicht einmal die Pressephotographen durften tätig werden, bloss einer vom Festival schlich am Bühnenrand herum und auch mal kurz vor dem Publikum. Wäre schön, wenn das immer so zurückhaltend wäre und v.a. wenn die Leute ihr zwanghaften Handy-Filmen ausschalten könnten (klar, ich habe oben auch ein paar Photos eingestellt, ich nerve mich wenn ich welche mache und ich nerve mich wenn ich keine mache, im Normalfall zücke ich das Ding, drücke fünfmal, stecke es wieder ein, eine Sache von 10 Sekunden, redbeans hatte z.B. nicht mal mitgekriegt als ich neulich in Brüssel bei Rhoda Scott ein paar Photos machte - geht also).

Beide Konzertblöcke dauerten ca. zwei Stunden, es gab je drei etwa 40minütige Sets, die Instrumente waren allesamt nebeneinander aufgestellt (was beim ersten Block mit zwei Drum-Kits und Cyro Baptistas riesigem Percussion-Arsenal ziemlich eindrücklich war, auch die B3 stand schon da und der Leslie drehte, obwohl sie erst am Abend zum Einsatz kam).

Masada Quartet
John Zorn (as), Dave Douglas (t), Greg Cohen (b), Joey Baron (d)

Den Auftakt machte die Kernformation des Zorn'schen Universums, Masada. Diese Gruppe spielte in den späten Neunzigern in Willisau ein etwa doppelt so langes Set, das meine erste Begegnung mit Zorn und seiner "Radical Jewish Culture" war - und nachhaltig einschlug. Dave Douglas hörte ich wenige Jahre später im Konzert mit seinem elektrischen Projekt mit Craig Taborn und Jamie Saft an Fender bzw. Wurlitzer, Chris Speed, Ikue Mori etc., später auch mit seinem eher langweiligen Quintett mit Donny McCaslin und Uri Caine. Aber mit Zorn hat es tatsächlich erst jetzt geklappt. Ebenfalls mit Greg Cohen, der ja wohl, so gefragt wie er ist, kaum je auf Tour gehen dürfte. Joey Baron hingegen war neulich ja etwas enttäuschend, im Duo mit Irène Schweizer eigentlich eine Fehlbesetzung (auch wenn das wohl beide nicht so sehen würden) und im Quartett mit Copland, Alessi und Gress zwar mit letzterem eine tolle Rhythmusgruppe bildend, aber insgesamt klappte auch das nur halb. Aber mit Masada war nun alles so perfekt wie erhofft. Das Quartett spielte druckvoll und präzise, gerade so, wie man es von den Aufnahmen her kennt. Dabei gab es genügend Raum für Soli von allen vieren und keiner gab sich eine Blösse. Da passte einfach alles. Etwas schade nur, dass es so kurz war, dass es auch diesen Höhepunkt gleich zum Auftakt gab.

Banquet of the Spirits plays Masada — The Book Beriah
Shanir Blumenkranz (b) Tim Keiper (d) Brian Marsella (keys) Cyro Baptista (perc)

Doch auch das zweite Set war toll. Blumenkranz am Bass war das eigentliche Zentrum der Musik, der jugendliche Keiper spielte ausgespaarte aber druckvolle Beats, die sich sehr schön mit Baptistas Spiel - das von Glockenklängen über Berimbau bis hin zu heftigen Timbales-Passagen alles zu bot, was die Latin Percussion hergibt - verzahnte. Marsella (der primär den grossen Flügel spielte, der links auf der Bühne stand und im ganzen Zorn-Teil nur hier zum Einsatz kam) glänzte mit Soli, die haarscharf an den üblichen Latin-Klischees vorbeidonnerten, ohne je in die Falle zu tappen. Im Gegenteil, er brach immer wieder aus, spielte dichte Cluster, schichtete Arpeggios übereinander. Eine durchaus melodieselige Musik, die aber sehr überzeugend dargeboten wurde, in der sich Melancholie und Freiheitswille gewissermassen ausglichen.

Cleric plays Masada - The Book Beriah
Matt Hollenberg (g) Nick Shellenberger (keys, voc) Dan Kennedy (b) Larry Kwartowitz (d)

Alles andere als melodieselig war dann das letzte Set des Nachmittags. Zorn scheint an der Metal-Band Cleric einen Narren gefressen zu haben. So ganz begreife ich nicht, warum. Hollenberg ist als Gitarrist zwar durchaus ordentlich, aber sein Spiel war eben auch wieder von solcher Harmlosigkeit, dass ich nicht umhinkam, mir vorzustellen, wie lustig es wäre, wenn ihm jemand den Strom abdrehen würde ... der Widerspruch, der sich bei mir so oft einstellt, wenn "harte" Musik gespielt wird: das ist Kinderkram, Sandkastenspielen für grosse Jungs. Shellenberger schrie und brüllte und grochste sich, hinter seinem Plastic-Clavier stehend, die Seele aus dem Leib, schwang die langen Haare, während Kennedys Bass in den Magen ging und Kwartowitz für starre Beats sorgte. Zorn sass derweil die ganze Zeit links am Bühnenrand (versteckt, aber im ersten Teil sass ich in der Mitte und konnte ihn gerade noch sehen) und grinste sich einen ab. Es gab dann die, nennen wir sie mal "Masada-Momente", in denen das Plastic-Metall-Strom-Gewitter kurz aufhellte und Hollenberg eine dieser auf leicht fremd klingenden Skalen beruhende Zorn-Melodie spielte ... aber das fiel völlig aus den Stücken heraus, die so gesehen in meinen Augen nicht erfolgreich waren.

Das "Book Beriah" ist übrigens wie es scheint das dritte Buch Masada. Das zweite, das "Book of Angels", scheint demnächst mit der dreissigsten Veröffentlichung abgeschlossen zu sein. Auch bei Baptista sass Zorn am Bühnenrand (und am Abend wohl auch wieder, aber da sass ich etwas weit auf der linken Seite und konnte ihn nicht sehen), aber er schien nur zuzuhören, wie die Musiker sein Material umsetzten, ohne einzugreifen.
Ich unterhielt mich nach dem Konzert noch eine Weile mit meinem Sitznachbarn, einem Zorn-Fan aus Freiburg, der davor auch schon am Festival in Saalfelden gewesen ist und zu Zorn (und wohl dem Jazz) eher vom Rock her gekommen ist. War aber sehr interessant, sich ein wenig auszutauschen (wir sassen am Abend erneut nebeneinander in der vordersten Reihe, waren aber im Gegensatz zu vielen anderen nicht so frech, nach 16 Uhr was auf den Stühlen liegen zu lassen, so waren die Plätze in der Mitte denn bis dahin vergeben. Typisch schweizerisch das (aber in Mulhouse sass auch mal eine impertinente Dame - "je m'en fous, je m'en fous, je m'en fous" auf einem Platz, den wir sogar noch mit Wasserflasche und anderem Kram besetzt hatten, da gab es ja auch nur kurze Pausen zwischen den Konzerten ... Höflichkeit ist kein alemannisch Ding und anstellen können die Schweizer sich nun gar nicht, pöbelhaftes Bauernvolk).

Asmodeus plays The Bagatelles
Marc Ribot (g) Trevor Dunn (b) Tyshawn Sorey (d) John Zorn (cond)

Beim zweiten Block gab es eine Umstellung, bei deren Ansage Zorn einen Blödsinn erzählte (er hätte gehört, viele wollten Simulacrum nicht hören, daher spielten die jetzt am Schluss und alle müssten sie hören, hä hä hä ... ich weiss nicht, ob er Asmodeus meinte, denn dazu sassen nun alle drin, sie spielten statt Simulacrum das erste Set, doch mit Ribot und Sorey, wer wollte sie Gruppe denn nicht hören, sie versprach doch - wenn man nicht dank redbeans um Julian Lage gewusst hätte - am meisten). Egal, es ging also gleich wieder verdammt laut und intensiv los. Leider stand die Orgel zwischen mir und Sorey, doch dieser entpuppte sich als echte Naturgewalt, dabei all den Sinn für Differenzierung mitbringend, der den Drummern der anderen beiden "lauten" Gruppen etwas abging. Wahnsinn! Zorn sass rechts vorn, auf einem Stuhl direkt neben Ribot, hatte ein Notenpult vor sich, gab Einsätze und Anweisungen - manchmal sagte er was, manchmal fuchtelte er herum, ein paar Male zupfte er Ribot am Ärmel, wenn dieser völlig versunken solierte und Zorn die Musik wieder in eine andere Richtung lenken wollte. Das klappte alles erstaunlich gut, Zorn griff zwar dosierend ein, aber er tat das so, dass am Ende alles passte, dass die Ribot zwar viel solistischen Raum kriegte, dass das Set aber nie ausuferte. Dunn gelang dabei das Kunststück, direkt in der Magengrube zu landen, völlig verzerrte dröhnende Klänge zu produzieren und dabei doch immer auch melodisch ins Geschehen einzugreifen.

Gyan Riley and Julian Lage play The Bagatelles
Gyan Riley (g) Julian Lage (g)

Der Höhepunkt des zweiten Teiles war dann aber das zweite Set - zwei Jungs mit akustischen Gitarren, zwei Stühle, zwei Mikrophone (die Gitarren selbst unverstärkt - der Sound in der Halle war übrigens hervorragend, bei allen Sets, auch da wo es mächtig laut wurde). Gemäss Programmheft spielt Riley (Sohn von Terry Riley) auf Nylon-, Lage auf Metallsaiten. Die beiden hatten sichtlich Freude am gemeinsamen Spiel, spornten sich an, wechselten sich ab, traten in einen dichten Dialog, gewährten einander aber auch immer wieder Freiräume zur eigenen Gestaltung. Das Repertoire stammt dabei wie bei Asmodeus aus "The Bagatelles", einer Gruppe von Miniaturen, die Zorn gemäss dem Zorn-Fan aus Freiburg nicht aufgenommen haben will. Sowohl Riley als auch Lage sind phantastische Gitarristen, es wäre schon ein Ereignis gewesen, einen von ihnen zu erleben, aber sie beide zusammen zu hören - und dann auch noch zu sehen, wie perfekt sie aufeinander abgestimmt sind - war wirklich phantastisch. Am Ende für mich noch vor dem Masada-Set das Highlight des Zorn-Programmes.

Simulacrum John Medeski (org) Matt Hollenberg (g) Kenny Grohowski (d)

Den Abschluss machte dann das Orgeltrio Simulacrum mit John Medeski, erneut Matt Hollenberg an der Gitarre und Kenny Gohowski am Schlagzeug. Da ging es einmal mehr ordentlich zur Sache, Gohowski war aber ordentlich nuanciert bei aller rohen Kraft, Hollenberg entpuppte sich jetzt als durchaus hörenswerter Musiker und Improvisator, auch wenn er natürlich nicht ohne einige der üblichen Stromgitarren-Rock-Klischees auskam. Medeski jedoch war eine echte Überraschung. Ich fand Medeski-Martin-Wood immer todlangweilig, auch wegen des Basses (ein Organist mit Selbstachtung braucht keinen Bass, verdammt! - gut, es gibt wenige Ausnahmen wie Freddie Roach, oft aber nicht immer Shirley Scott ... aber andere mag ich kaum gelten lassen). Einen Bass statt einer Gitarre in ein Orgeltrio zu packen halte ich für keine gute Idee, aber der Erfolg mag ihnen Recht geben. Entsprechend war mir Medeski nur schlecht vertraut und so war ich aus schönste überrascht davon, wie toll Medeski seine unförmige Kommode zu bedienen wusste und wie toll das Trio insgesamt funktionierte. Das Set war allerdings kurz (eher 30 Minuten, das Gitarrenduo hatte wohl etwas länger gedauert) - und es entpuppte sich auch als sehr gute Idee von Zorn, die Sets ohne Unterbruch zu programmieren und kurz zu halten. Denn nach sechs Gruppen in vier Stunden war man doch ganz ordentlich mit Musik gefüllt (mit knapp vier Stunden Pause dazwischen, die "ladies" waren mit den Hanteln und dem anderem Foltergerät durch als ich mich nachmittags eine Stunden hinlegen ging).

Ich blieb dann noch zum "Late Spot", der im ersten Stock der Festhalle stattfindet, in einem kleinen Saal mit Bar. Da spielte das Duo Qoniak (aka Cognac), zwei Romands, von denen ich schon als sie beim Soundcheck waren ein Ohr voll nahm. Vincent Membrez machte sich an Synthesizern zu schaffen während der phantastische Drummer Lionel Friedli für tolle Beats sorgte. Das ganze war einigermassen tanzbar und ziemlich gut. Als sie dann den finalen Rausschmeisser anstimmten, machte ich mich auf den Heimweg, vorbei an Aldi und dem Solarium, in der Hoffnung die Biker würde in der Nacht und die Schützen am Sonntagmorgen ruhen - so war es denn zum Glück auch. (John Edwards hatte übrigens am Vorabend beim Spätkonzert mit Phall Fatale gespielt, einer Band, die ich nicht wirklich verstehe, habe sie mal in Zürich gehört vor ein paar Jahren - andernfalls hätte sich seine Anreise für das Solo-Konzert kaum gelohnt.)


Jazzfestival Willisau, Sonntag 4. September

Am nächsten Morgen war ich früh genug auf, als dass ich auch wieder zum Konzert um 11 Uhr ging, es spielte Im Wald, die Gruppe um den Altsaxophonisten Tobias Meier, die ich vor einigen Monaten bei einem Stubenkonzert eines Freundes gehört hatte. In der Rathausbühne in Willisau - trotz merklicher Abkühlung draussen unter dem Dach noch unerträglich heiss - spielte das Quintett allerdings vergleichsweise befreit auf, warf die Kontrolle, die mir bei Meier manchmal etwas zu stark schien, über Bord. Es gab eine Art zeitgenössische, improvisierte Kammermusik mit Meier, dem Trompeter Matthias Spillmann, Frantz Loriot an der Bratsche, Nicola Romanò am Cello und Raffaele Bossard am Kontrabass - im Halbkreis links das Saxophon, rechts die Trompete, dazwischen die drei Streicher. Ein sehr schönes, ziemlich langes Konzert. Gut, dass ich hin bin (hätte eh um 11 oder 12 auschecken müssen, aber wach war ich dann sowieso schon längst, obwohl keine Schützen zugange waren).

Auf dem Festivalgelände gibt es auch in Willisau Stände mit Essen und Getränken (richtiges Bier und sogar von einer unabhängigen kleinen Brauerei aus der Schweiz - so macht man das) und in einem Zelt auch Bands, die zwischen den Haupt-Sets aufspielen. Am Samstagmittag war das Gabriela Krapf & Horns, die Pianistin/Sängerin Krapf mit drei Bläsern (t, tb, ts) - das war mir etwas zu harmlos-hübsch, aber es hat wohl seinen Zweck erfüllt ... musique d'ameublement, wie man mit der Formulierung eines anderen Jubilars sagen könnte. Am Samstagabend gab es (vor dem zweiten Zorn-Konzert) dann einen jungen Singer/Songwriter, der sich Long Tall Jefferson nennt - nicht für mich, pardon. Sonntag spielte dann eine Gypsy Jazz-Kapelle auf, Vendredi Soir Swing (mit Gitarre/Gesang, Gitarre, Kontrabass, Tenorsax/Klarinette) - das war zwar kompetent gemacht, der Frontmann hat eine gute Stimme, aber rhythmisch passte für mich so einiges nicht (sowohl beim Spiel wie auch beim Gesang) - irgendwie für mein Empfinden falsch phrasiert, keine Ahnung - kam mir jedenfalls leider ziemlich swingfrei vor, obwohl die Jungs einen sympathischen Eindruck hinterliessen und fraglos was konnten.

Das Hauptkonzert begann dann um 14 Uhr, ich schaffte es wieder in die erste Reihe. Von aufgeschnappten Gesprächsfetzen wurde klar, dass die meisten wegen Joachim Kühn da waren - ich nicht. Ich wollte mir, wenn ich schon in Willisau war, die Chance nicht entgehen lassen, das Duo Mat Maneri/Randy Peterson zu hören. Maneri kenne ich - ab CD - schon sehr lange, es gibt ja einige Hat-Veröffentlichungen von und mit ihm und denen steige ich schon seit dem Ende meiner Gymnasiastenjahre hinterher (von "The Long March" habe ich sogar noch die alten harART-CD-Ausgaben, nie durch irgendein Remaster ersetzt). Maneri sass mit seiner elektrischen Geige auf einem Stuhl, schräg rechts hinter ihm Randy Peterson am Schlagzeug (am Vortag gab es ein Rock- und ein Jazz-Kit für die Zorn-Gruppen, Peterson spielte glaube ich einen Hybrid von beiden, wohl mit weiteren Teilen ergänzt, Eric Schaefer  spielte dann ein eigenes, das auf einem separaten Bühnenelement stand, er war also leicht erhöht neben dem Bass). Peterson langte heftig zu, doch die Musik des Duos hatte etwas Impressionistisches, etwas Verspielt-Introvertiertes. Einmal intonierte Maneri - wie durch Zufall im freien Ideenfluss dahin gelangt - die Melodie eines Standards (ich hatte gedacht, es sei "Body and Soul", aber in der Zeitung stand es sei "Ain't Misbehavin'" gewesen, bin mir nicht mehr sicher, das Flüchtige des Augenblickes in der Improvisation lässt sich ja schwer festhalten). Jedenfalls war das ein intimes Set, schnörkellos, direkt, aber auch nebelverhangen - dass es draussen grau und regnerisch wurde, passte sehr gut.

Danach folgte eine längere Umbaupause, der grosse Flügel musste in die Mitte, das andere Schlagzeug aufgebaut oder hingeschoben werden, ein grosser Bass-Verstärker ... und wie es dann weiterging (oder auch nicht) steht ja bereits ein paar Posts weiter oben. Schlecht war das Kühn-Set nicht gerade, aber nach all der feinen Musik, auch am Sonntag mit "Im Wald" und Maneri/Peterson war es halt doch ein Antiklimax zum Ausklang - und das ist natürlich sehr, sehr schade.



Die nicht ganz ernstgemeinte Doppel-Rezension von Joachim Kühns Trio-Set hänge ich zuletzt auch noch an:

Joachim Kühn Trio „Beauty & Truth“ – Jazzfestival Willisau, 4.9., 14:00 * * * * *

Mit zwei jungen Mitstreitern an Kontrabass und Schlagzeug beendete Joachim Kühn das diesjährige Jazzfestival Willisau mit einem fulminanten Set. Ekstatische Musik, die aber auch Raum für das elegische liess. Kühn entlockte dem grossen Konzerflügel singende, schwebende Töne, griff aber auch mächtig in die Tasten, wurde stürmisch wie man es von Cecil Taylor kennt. Chris Jennings glänzte am Kontrabass mit einem riesigen Ton und vielen Ideen, während Eric Schaefer am Schlagzeug für zupackende Beats sorgte. Auf dem Programm standen Stücke von Kühn selbst, das Titelgebende Stück von Ornette Coleman wurde als bezaubernder Opener für „The End“ von The Doors verwendet, von Ornette stand auch noch „Researching Has No Limits“ auf dem Programm, als zweite und letzte Zugabe hörte das begeisterte Publikum Kühns Arrangement von Gil Evans‘ „Blues for Pablo“, nach Evans‘ Arrangement, das auf dem ersten Columbia-Album mit Miles Davis zu finden ist. So wurde der erste Besuch Kühns in Willisau seit 1973 zu einer Sternstunde!

Joachim Kühn Trio „Beauty & Truth“ – Jazzfestival Willisau, 4.9., 14:00 *

Joachim Kühn trat zuletzt 1973 in Willisau auf. Bei seinem neuerlichen Besuch wurde er vom Publikum abgefeiert – für eine Musik, die ziemlich ausgeleiert klang, um nicht zu sagen: abgedroschen. Der Titel des Konzertes, zugleich der Titel der aktuellen CD des Trios, stammt von Ornette Coleman – das Stück erklang früh im Konzert, als angepappter, elegischer Auftakt zu einer Version von The Doors‘ „The End“. Dieses mag als Beispiel gelten, warum Kühn goes EST keine gute Idee ist. Eric Schaefer (der mit dem bejubelten Trio [em] bereits ähnliche Pfade beschritt) hämmerte plumpe binäre Beats, wenn es mal swingen sollte, war das nach Lehrbuch sicherlich korrekt ausgeführt, aber weder von Groove noch von Swing gab es in dem langen Set auch nur die geringste Spur. Überzeugender war Chris Jennings, der Mann am Kontrabass, mit singendem, voluminösen Ton und auch solistisch mit recht guten Ideen. Kühn selbst spielte manchmal nur zusammenhanglose Fragmente, aufgereiht an dem Faden der Pop-Beats – und vom Publikum intensiv beklatscht. Anderswo begann er verhalten, steigerte sich aber rasch zu dichten Arpeggi und hingehämmerten Clustern – es wurde ihm mit lauten Rufen und Pfiffen verdankt. Die Begeisterung, die in der Festhalle herrschte, konnte ich nun leider absolut nicht nachvollziehen – das war zum zweiten, dritten Mal aufgekochter Kaffee, alter Wein in alten Schläuchen, rhythmisch eindimensional, melodisch anspruchslos, das Verarbeiten von Pop-Material hat sich längst auch in Kühns eigenes kompositorisches Schaffen eingeschlichen – was dieses nicht besser macht. Schade, dass ich nicht nach dem tollen Duo-Set von Mat Maneri und Randy Peterson gegangen bin.

Météo Music Festival, Mulhouse, August 2016



Mit einiger Verspätung doch noch ein paar Zeilen zum grossartigen Météo | Mulhouse Music Festival, das vom 23. bis am 27. August stattfand. Das Festival verteilt sich über grössere Teile der Stadt, wobei der Auftakt jeweils um 12:30 in der Chapelle Saint-Jean stattfand (eine Stunde früher gab es direkt nebenan jeweils noch ein kurzes Konzert für Kinder, im Innenhof der Bibliothèque Grand'rue). Auch der Abschluss fand jeweils am selben Ort statt, dem Noumatrouff, einer Halle etwas ausserhalb (zwischen Automobilmuseum, Polizeigebäuden und dem Depot der Strassenbahnen und Busse). Die Nachmittagskonzerte, die jeweils um 17:30 (am Samstag blöderweise um 17:00) beginnen, verstreuten sich aber über vier verschiedene Orte. Dass man sich mal etwas die Füsse vertritt (oder halt mit dem kostenlosen Shuttle-Service durch die Stadt fährt) ist allein deshalb gut, weil das Programm so dicht ist, dass man sonst kaum dazu kommt, einen Blick auf die Stadt zu erhaschen (in die grossen Kirchen z.B. habe ich es nicht geschafft, obwohl ich ein Zimmer in einem Hotel direkt bei der zentralen Place de la Réunion hatte).

Ich stiess leider erst am Mittwoch 24.8. für das Konzert um 17:30 dazu - liess mir sagen, das Konzert von Archie Shepp/Joachim Kühn am Eröffnungsabend sei ganz ordentlich gewesen, während Supersonic "Play Sun Ra" völlig daneben gegangen sei. Gut, mit Kühn machte ich dann ja meine Erfahrung (s.o.). Wirklich schade war es aber wohl um das Mittagskonzert am Mittwoch, das einerseits das Duo Luft (Mats Gustaffson an Saxophonen und Erwan Keravec am Dudelsack), andererseits den Bassklarinettisten Christer Bothén solo präsentierte (er schien an der Gimbri begonnen zu haben, merkte aber dass das Ding die doch ordentlich grosse Kapelle nicht zu füllen vermochte). Zum Abschluss holte Bothén die beiden anderen auch nochmal nach vor und sie spielten zu dritt.



Um 17:30 ging es ins Entrepôt, auch das ein altes Industriegebäude, umgebaut zur kleinen Konzerthalle mit Vorraum (Bar, ein paar Tische). Da traf ich dann bereits die anderen Bekannten, um deren Anwesenheit ich wusste (darunter die beiden Mitstreiter vom Warschau-Besuch im März, deren einer mich überhaupt erst aufs Météo gluschtig gemacht hatte - danke noch einmal dafür!).

Als erstes spielte Zeena Parkins solo, an ihrer eigenen (!) traditionellen Harfe sowie an der kleinen elektrischen, die sie meines Wissens auch immer dabei hat (ich habe sie bisher nur einmal im Konzert gehört, mit Phantom Orchard, ihrem Duo mit Ikue Mori - grossartige Sache, am Taktlos 2005). Sie hatte ihre Instrumente vor der Bühne, direkt im Publikum aufgebaut. Vor beiden Harfen lagen unzählige Pedale (auf dem Photo diejenigen für die elektrische Harfe), mit denen Parkins den Sound ihrer Instrumente bearbeitetete. Das Solo-Set war intensiv und beeindruckend, ganze Klanglandschaften türmte Parkins, manches war wohl geplant, aber das Set wirkte spontan und riss mit.

Weiter ging es mit dem Duo Clayton Thomas/Anthea Caddy - an gestrichenem Kontrabass und Cello (auf der erhöhten Bühne) erzeugten sie Drone-Klänge, die an LaMonte Young erinnerten. Bei grossen Teilen des Publikums kam das nicht gerade gut an, aber der Saal war so dunkel, dass die meisten sich gezwungen sahen, es durchzustehen ... das Problem war wohl, das gewisse Frequenzen als sehr laut empfunden wurden, dabei war das Konzert nicht besonders laut, doch die Klänge teils in der Tat sehr durchdringend. Ich fand auch dieses Set faszinierend, war jedoch etwas enttäuscht, da vorgarten mir Clayton Thomas mehrmals ans Herz gelegt hat, man aber in diesem Kontext natürlich nichts davon mitkriegte, wie der es denn so mit dem Jazz, der Improvisation hält.
Am Abend ging es ins Noumatrouff, wo es jeweils einen Teller vom senegalesichen Food-Stand gab (es gab drei verschiedene Essensstände, eine Weinbar und ein Stand mit Bier (schlechtem notabene, man ist ja in Frankreich, die halten - wenn man vom Norden mal absieht - diesbezüglich weiterhin was auf sich).

Den Auftakt machte die Gruppe Louis Minus XVI, ein französisches Quartett mit zwei Saxophonen, Bassgitarre und Schlagzeug. Sie spielten brachiale, ausgespaarte Stücke, rhythmisch sehr ansprechend, aber die kreischenden Saxophonduelle fand ich auf die Dauer etwas ermüdend - dieses permanente (musikalische) Macho-Gehabe ... und davon würde es mit The Thing ja noch mehr als genug geben.

Als zweites spielte ein Trio, das sich die Pianistin zusammenstellen durfte: Sophie Agnel/Joke Lanz/Michael Vatcher. Das Trio, so verstand ich, hatte zuvor nie zusammengespielt - und war selbst vom Erfolg ihres Sets gerade so begeistert wie das Publikum. Agnel spielte das ganze Klavier, Tasten wie Saiten und Gehäuse, Lanz legte eine fabelhafte Performance voller überraschender Haken hin, bewies dabei enormes Einfühlungsvermögen, grossen Humor und - pardon, ich bin da altmodisch und skeptisch - beeindruckende Musikalität, während Vatcher den impulsiven aber aufmerksamen Begleiter am rechten Rand gab. Sie alle bewegen sich in ihrem Spiel jenseits gängiger Konventionen - dass sie auf diese Weise zusammenfanden, war das pure Glück!

Zum Abschluss dann - "ladies, motherfuckers, jazz fans!", so die charmante Begrüssung - The Thing & Joe McPhee. Das Trio um Mats Gustafsson (ts, bari), Ingebrigt Haker Flaten (b, elb) und Paal Nilssen-Love (d) hat natürlich schon öfter mit Joe McPhee gearbeitet, einer Ikone des afro-amerikanischen Free Jazz, deren Verbindungen zu Europa weit zurückreichen (zwei Stichworte nur: Hat Hut, Peter Brötzmann). Das Quartett entpuppte sich - ganz wie erhofft, ich hatte The Thing bisher nie live gesehen - als musikalischer Taifun. McPhee spielte Tenorsaxophon und Pocket Trumpet, sein Mikrophon schien leider etwas zu leise (oder Gustafsson, der Berserker, spielte im Konzert doppelt so laut wie beim Soundcheck, zuzutrauen ist es ihm, dem Mann ist ja überhaupt fast alles zuzutrauen), doch die beiden steigerten sich immer wieder in intensive Sax-Battles (Gustafsson auch am Bariton), während die Trompete eher dem Kontrast diente, spielerische Elemente hineinbrachte, die dem brachialen Trio zwar nicht abgehen, die aber doch beim konstant hohen Energie-Level nicht auf den ersten Blick hörbar werden. Die Stücke waren zugleich sehr konzis, auf den Punkt - was in erster Linie Haker Flaten und Nilssen-Love zu verdanken war -, liessen aber auch viel Raum für Soli.

So endete der erste Abend also direkt mit zwei Highlights am Stück - und einen Ausfall gab es nicht zu vermelden, dazu waren auch Louis Minus XIV zu stark. Ein beglückender erster Tag, der bei mir am Rand der Erschöpfung endete.



Am Donnerstag 25.8. liess ich es dann etwas ruhiger angehen - ein Besuch in der Librairie Bisey an der Place de la Réunion brachte Zuwachs fürs Bücherregal (einen Band mit Notizen von Paul Valéry und die neue Biographie von René Urtreger), um 11:30 ging es in die Bibliothek zum Solo-Konzert von Per Ake Holmlander, der mit seiner Tuba schon eine halbe Stunde früher dort sass und einspielte. Das Konzert dauerte wohl zwanzig Minuten und endete mit einer tollen Version von Dollar Brands "Jabulani", in halsbrecherisch schnellem Tempo gespielt.

Dann ging es die paar Schritte hinüber zur Chapelle Saint-Jean, wo der Schlagzeuger und Percussionist Alexandre Babel ein Solo-Set spielte. Dieses war zwar klanglich durchaus attraktiv (er hatte allerlei Alltagsgegenstände dabei, die teils wohl auch verkabelt/verstärkt waren), aber am Ende keine Linie zu finden schien, etwas skizzenhaft blieb - und auch nur eine halbe Stunde dauerte.

Die Nachmittagskonzerte (Hélène Breschand/Kerwin Rolland im Duo und Mathias Delplanque solo - also Harfe und dazu viel Elektronik) liess ich dann bleiben, zog stattdessen ein wenig durch Mülhausen, besuchte auch das (kostenlose!) Musée des Beaux Arts, in dem neben einer sehenswerten Gemäldesammlung (die einiges Licht auf die wechselhafte Geschichte des Elsass wirft) im oberen Stock auch die ziemlich interessante Biennale de la Photographie de Mulhouse zu sehen war, mit vor allem zeitgenössischen aber auch einigen älteren Arbeiten von etwa einem Dutzend Photographinnen und Photographen.

Am Abend ging es dann wieder ins Noumatrouff (zu Fuss bei der sengenden Hitze ein Spaziergang von 20 Minuten, raus aus dem Zentrum durch ein Viertel, in dem sich Migranten angesiedelt haben, auch quer durch ein paar Wohnsiedlungen mit Kinderspielplätzen). Als erstes gab es zwei halbe Sets: Agustí Fernández/Kjell Nordeson + Dieb13 Solo. Der beeindruckende katalanische Pianist Fernández (ich hörte ihn schon ein paar Mal mit Barry Guy) spielte im Duo mit Nordeson an Percussion (inklusive Vibes), danach hatte Dieb13 Mühe, an den fabelhaften DJ-Auftritt von Joke Lanz anzuknüpfen. Dem Duo hätte ich gerne länger gelauscht, es war klasse; das DJ-Set überzeugte am Ende einigermassen, es gab auch ein paar Jazz-Samples (ich erkannte aber nur gerade Ornette Colemans "Lonely Woman").

Das mittlere Set gehörte dann Mats Gustafsson's Nu Ensemble, fraglos die Hauptattraktion des Abends. Nicht nur The Thing und McPhee spielten mit sondern auch Fernández, Nordeson, Dieb13, Holmlander und der am Vortag aufgetretene Bothén. Zu ihnen stiessen noch Jon Rune Strom am zweiten Kontrabass und die Sängerin Mariam Wallentin. Das eine lange Stück, das zur Aufgeführung gelange, war Little Richard gewidmet. Das ergab nicht direkt Sinn, doch Wallentin - mit tollem Timbre und überhaupt feinem Gesang, der für mein Empfinden leider etwas unter ihrem Akzent litt. Und da kommt wohl Richard Wayne Penniman aus Macon, Georgia ins Spiel: Die Worte, die Wallentin zu singen hatte, waren eine lange Aneinanderreihung von Blues- und Rhythm & Blues-Klischees ... da es auf die Worte sowas von nicht ankam bzw. es die Art von Worten waren, die man versteht, ohne die Sprache zu kennen, fand ich es schade, dass Wallentin nicht einfach Schwedisch singen durfte/konnte/mochte. Insgesamt gefiel mir das Set sehr gut, es war abwechslungsreich und machte (aber?) kaum von der geballten Power der versammelten Musiker Anwendung - erwartet hatte ich eher ein ohrenbetäubendes, in die Magengrube fahrendes Power-Set. Aber zu den Top-Konzerten des Festivals (oder Jahres) reichte es dann doch nicht.

Den Abschluss machten dann nochmal halbbatzige Drone-Klänge, diesmal aus Österreich, dargeboten von der Gruppe Ventil, die mit drei Gitarristen/Sythesizer-Spielern (mit weiterer Elektronik) sowie einer Schlagzeugerin und Video-Projektionen auffuhren. Die Stühle wurden dazu entfernt, die Bässe hochgeschraubt so weit es möglich war, das ging nun in die Magengrube, war aber nach einer Viertelstunde schon ziemlich ermüdend - vor allem irritierte mich, dass die Stücke (es schien sich um solche zu handeln) recht kurz gehalten wurden, und dass solche Musik dann einfach, nach einer knappen Stunde, ohne weitere Konsequenzen (ein Erdbeben, ein Flächenbrand, wenigstens eine Wunderkerze in die Nacht gehalten) zu Ende gehen kann, verstehe ich dann erst recht nicht mehr.



Der Freitag 26.8. ging los mit William Parker in der Bibliothek. Er spielte Fetzen von "'Round Midnight" auf der Pocket Trumpet, griff zur Shakuhachi (Photo) - und hatte leider wieder seinen schwarz-rot bemalten körperlosen Kontrabass dabei (scheint sein Reise-Instrument zu sein - ich warte weiterhin auf die Chance, ihn mal live auf einem anständigen Instrument zu hören). Was allerdings sehr toll war: wie er sich um die Kinder bemühte, sie zum Mitmachen animierte. So richtig gelang die Lektion in Siebner-Takt allerdings nicht. Parker spielte eine Phrase (2-2-3) und sang dazu: "Hap-py hap-py Kan-ga-roo", die Kids sollten nun jeweils auf 1 in die Knie und auf 2 hochspringen - wie ein Känguruh halt. Dass sie bei "roo" aber nicht schon wieder von vorne anfangen sollten, merkten sie natürlich nicht und die Sprachbarriere war wie am Vortag mit Holmlander nicht zu überwinden. Ein Konzert war das nicht, aber es berührte mich doch sehr, zu sehen, wie Parker sich Mühe gab und wie die Kinder von der Klangvielfalt fasziniert waren, die er bot (er griff erst ganz zum Schluss für ein kurzes Stück zum Bass).



Weiter ging es mit einem halb erwarteten Höhepunkt: Joachim Badenhorst spielte solo in der Kapelle, begann an der Klarinette, nutzte Loops und ein paar Effekte, sparsam und geschickt eingesetzt. Später griff er auch zum Tenorsax und zur Bassklarinette, improvisierte, spielte Liefhaftes, Repetitive, Freies. Ich kannte ihn aus dem Konzert (eines mit einem mittelprächtigen Ensemble, in dem er herausragte) und von einer CD (Samuel Blasers Consort in Motion mit Paul Motian und Musik von Guillaume de Machaut, "A Mirror to Machaut" auf Songlines), wusste nicht so genau, was mich solo erwarten würde. In einer sympathischen Ansprache erzählte er gegen Ende des Konzertes, dass er schon länger solo unterwegs sei, die Musik sich auf diesem Weg verfestigt habe, er von der völlig freien Improvisation weg gekommen sei, und er erzählte von einem Aufenthalt in Japan, bei dem ein Stück entstanden ist, das er an der Klarinette präsentierte (wie den wohl grösseren Teil des Sets ganz ohne Effekte).

Am Nachmittag fanden die Konzerte diesmal in der Église Sainte-Geneviève statt, ganz in der Nähe vom Entrepot - der Eintritt war frei (wie auch bei den Mittagskonzerten) und es sassen wohl auch Leute aus der Stadt da, die sonst nicht zum Festival gingen. Ich kam jedenfalls mit einer Dame ins Gespräch, die meinte, sie sei aus Metz und lebe jetzt in Mülhausen, und die Elsässer hätten doch alle einen an der Waffel (sie hat das etwas vornehmer ausgedrückt), leider ging dann die Musik los bevor ich nachfragen konnte, weshalb, aber wenn man mal das Wahlverhalten anschaut ... nunja. Den Auftakt machte Áine O'Dwyer, die sich auf der Orgelempore eingerichtet hatte, zunächst mit langen Glocken spielte, allmählich zur Orgel überging, dabei eins ums andere Blätter (mit wenigen Bleistiftkritzeleien drauf, Spielanweisungen wohl, ich konnte nur einen flüchtigen Blick darauf erhaschen nach dem Konzert) mit nonchalanter Geste über die Schulter nach hinten und unten ins Kirchenschiff warf. Ihr Set entwickelte sich langsam, aber es nahm einen gefangen. Sie spielte wieder mit Drone-Sounds, hielt lange, durchdringende Töne oder auch schwere Akkorde. Am Ende stieg sie tanzend herab, bewegte sich durch den Mittelgang nach vorne, sich dabei um ihre eigene Achse drehend, dabei die Glocken vom Beginn aneinander schlagend (mehrere in jeder Hand). Ein etwas seltsamer, irgendwie ritualisiert scheinender Auftritt, der mich aber überzeugte.

Nach der Pause ging es mit Mike Majkowski solo weiter - Kontrabass. Sein Spiel nahm keinen Schwung auf, es blieb wieder im Fragmentarischen stecken, erweckte eher den Eindruck als höre man ihm beim Üben zu als den eines Konzertes vor Publikum.



Am Abend machte ein phänomenales Trio den Auftakt: Hamid Drake/William Parker/Pat Thomas. Ich habe ja meine liebe Mühe mit William Parker, aber zusammen mit Hamid Drake ist er eigentlich immer ganz gut. Vom englischen Pianisten Pat Thomas hatte ich noch nie gehört - ein grober Fehler! Das Trio funktionierte hervorragend, kraftvoll, frei und groovend im dicht-verzahnten Interplay. Parker setzte sich später auf den Stuhl und griff die Rahmentrommel (die im Bild noch auf dem Stuhl angelehnt steht), Parker wechselte zur Gimbri (ob er das spontan tat, es handelte sich ja wohl um Bothéns Instrument, das in dessen Händen auch am Vorabend in Gustafssons Nu Ensemble zum Einsatz kam) - und Drake begann einen arabischen "chant" mit seiner hellen Stimme - das war berührend und bewegend und verfolgte einen noch eine ganze Weile.

Nach einer Umbaupause folgte Green Dome, ein Trio um Zeena Parkins und zwei bärtige Hipsters namens Ryan, der eine (Ryan Ross Smith) an Klavier und Synthesizer, der andere (Ryan Sawyer) am Schlagzeug. Das ging den Bärten und Holzfällerhemden gemäss ruppig zu, laut, aber etwas zu absehbar und am Ende ziemlich plump, da vermochte auch Parkins selbst kaum zu glänzen. Alles schien in ein Korsett gezwängt, notiert - es gab keine Luft, die die Musik hätte atmen können. Aber ich war im Nachhinein sehr froh, dass ich geblieben bin, denn das dritte Set hatte es in sich!

Den Abschluss machte das Ensemble Zeitkratzer mit dem Programm Lou Reed "Metal Machine Music" Parts 1-4 - ich hatte keine Ahnung, was einen da erwarten würde ... und war umso beeindruckter von dieser so konsequenten, minimalistischen, treibenden Musik. Pianist Reinhold Friedl, der die Gruppe auch leitet, spielte eigentlich eine Art freies Klavierkonzert (die meiste Zeit stand er über den offenen Flügel gebeugt und spielte drinnen wie auf den Tasten, präparierte die Saiten, erzeugte viele überraschende Klänge), ausser ihm hatte Schlagzeuger Maurice de Martin ordentlich die Hände voll, die Bläser brachen hie und da kurz aber heftig aus, spielten aber sonst ganz wie die Streicher es durchgehend taten, einfache Riffs aus zwei, drei Tönen. Das Ding konnte natürlich erst beginnen, nachdem Frank Gratkowski nochmal nach hinten ging, um seine Noten zu holen (er meinte im Vorfeld zu einem der anwesenden Bekannten auf die Frage, ob das Konzert denn gut würde, er hätte ja bloss zwei Töne zu spielen ... aber auch da muss man natürlich wissen, wann man ein- und wann wieder aussetzen muss, wo man mal kurz von der Routine abweicht). Das Stück mit seinem beharrlich stapfenden Beat entwickelte einen unaufhaltsamen Drive, der mich immer wieder an Terry Rileys "In C" denken liess. Die Performance dauerte 66 Minuten - und war ein eindrückliches Erlebnis und ein schöner Abschluss eines tollen, an Musik überreichen Tages.



Auch für Samstag hatte ich mir vorgenommen, fast das komplette Programm anzuschauen. Vom Kinderkonzert Erwan Kerawecs am Dudelsack hörte ich nur auf dem Weg zur Kapelle ein paar Töne, die natürlich locker über das Dach auf die Strasse schallten. In der Chappelle Saint-Jean spielte als letztes Clayton Thomas, der zweite Kontrabassist, den man am Festival solo hören konnte. Und dieses Mal war er nun zu erleben, wie er mit dem Bogen, mit verschiedenen Schlegeln, Drumsticks und anderen Gegenständen den Bass bearbeitete - ein feines, sehr stimmungsvolles, aber nicht unbedingt überragendes Set, das nach dem enttäuschenden Majkowski umso überzeugender wirkte.



In die Bibliothek ging ich aber auch an diesem Tag noch einmal, denn um 14:30 gab es ein Gespräch mit Roscoe Mitchell, geführt von Alexandre Pierrepont, der ein Buch über die AACM geschrieben hat. Er sprach zunächst länger zur Einführung, gab einige Plattheiten über die AACM zum Besten, begründete aber auch überzeugend, warum sein Buch neben dem von George Lewis bestehen dürfe (einerseits natürlich die Insider/Outsider-Perspektive, andererseits aber auch sein Interesse an anthropologischen Fragen - ich werde mir das Buch - "La Nuée - L'AACM: un jeu de société musicale", bei Parenthèses - wohl gelegentlich anschaffen). Das eigentliche Gespräch musste dann zum Glück nicht übersetzt werden (die Frage ging ans Publikum und kein Franzose oder Italiener hat sich gewagt zuzugeben, dass er des Englischen nicht mächtig sei) und war ordentlich interessant, vor allem weil Mitchell einfach etwas erzählte, über seine Einstellung zur Musik, seine Erfahrungen beim Vermitteln von Musik (auch er unterrichtet an einer Hochschule), darüber, wie sie in den späten Sechzigern nach Europa gekommen seien usw. Pierrepont hätte sich aber etwas klügere und weniger erwartbare Fragen einfallen lassen können, am Ende war es natürlich toll, eine Legende wie Mitchell sprechen zu hören, aber das blieb alles recht höflich und etwas unverbindlich. Die Publikumsfragen hätte man besser ganz weggelassen, eine Italienerin laberte was und wollte andeuten, dass die AACM eine rassistische Politik vertreten hätte (Mitchell entgegnete darauf aber rasch, dass es doch bedenkenswert sei, wie immer nur die Mehrheitsgesellschaft die Frage stelle, warum die Minderheiten eigene Räume brauche, in denen sie ihre Kultur ausleben könne ... so wurde aus dem ärgerlichen Votum der neunmalklugen Dame ein Schuh, die Dame wurde denn auch ziemlich kleinlaut und meinte, sie sei natürlich "völlig einverstanden" mit allem, was er sage. Ein anderer, der das ganze Festival im Sun Ra T-Shirt (hoffentlich nicht im selben einen!) rumlief meinte, es hätte doch Verbindungen zwischen Sun Ra und der AACM gegeben, ob Mitchell dazu was erzählen könne. Er meinte dann trocken, einer der AACM-Musiker, der in den Chicagoer Anfangszeiten des Arkestra bei Ra gewesen sei und danach zur AACM stiess, hätte gesagt, das sei im Vergleich wie ein Gefängnis zur Freiheit. Wohl nicht die Antwort, die Sun Ra-Fanboy hören wollte ...



Am Nachmittag ging es ins La Filature, einen tollen Saal, der sonst wohl in erster Linie für klassische Konzerte genutzt wird. Es gab diesmal nur ein Set, gespielt vom Quartett Der Verboten. Der Bratschist Frantz Loriot trat schon einige Male am Météo auf und wurde eingeladen, um ein neues Projekt auf die Beine zu stellen. Dieses Quartett mit Loriot an der  Viola, Antoine Chessex am Tenorsax, Cédric Piromalli am (offenen) Flügel und Christian Wolfahrt an Percussion spielte eine lange Improvisation, inmitten des kreisförmig angeordneten Publikums. Sehr faszinierend, wie die vier den Raum bespielten, schade dass man nicht zirkulieren konnte (stattdessen war man angewiesen, sich ruhig zu verhalten, da France Musique anwesend war, um für "A l'improviste" aufzuzeichnen ... dumm nur, dass die Konzerte sonst um 17:30 begannen, dieses aber schon für 17:00 angesetzt war, und daher hordenweise Leute zu spät kamen, die leider auch alle noch in den Saal gelassen wurden). Ein kleines aber feines Highlight des Festivals für mich - ich bin auf die Übertragung gespannt (Badenhorst wurde schon ausgestrahlt, Drake/Parker/Thomas gibt es am 22.9., für Der Verboten und Green Dome stehen die Termine noch nicht fest - soweit ich sah wurde praktisch alles mitgeschnitten, aber diese vier wurden nach Festival-Ende per Email mitgeteilt).



Dann ging es gleich weiter ins Noumatrouff, wo es um 21 Uhr nur noch zwei Gruppen zu hören geben sollte, wo dafür um 19 Uhr nochmal ein kleines (kostenloses) Konzert stattfand. Native Instrument spielten in der teils ungestuhlten Halle, mittendrin: Stine Janvin Motland an Stimme und Elektronik und Felicity Mangan, die field recordings einspielte und weiteres electronisches Equipment vor sich auf dem Tisch liegen hatte. Die Musik - die eine Art künstliche Rekonstruktion von Naturgeräuschen, gesampelt und geloopt, sein wollte (was auch durchaus gelang!) - entpuppte sich als nahezu tanzbar, ziemlich laut und einmal mehr nichts für die traditionelleren Jazzheads im Publikum (für einmal waren die Horsts, die in der Reihe vor uns sassen, vier ältere Schweizer, Fremdschämen angesagt). Für mein Empfinden aber ein weiteres, faszinierendes Set, das mit einer guten halben Stunde gerade richtig lang war.



Dann ging es ein letztes Mal zum Essensstand ... das Bier war inzwischen aus ("Bier" bestenfalls, es handelte sich um Heineken), die Alternative, ein französisches Blanche, war höchstens zum Zähneputzen geeignet ... und Wein ist bei der Hitze nichts für mich. Aber gut, nüchtern Musikhören ist auch nicht übel, gerade wenn Roscoe Mitchell ansteht ... die Vorfreude war gross, ich hatte ihn davor gerade mal einmal gehört, solo am Unerhört 2004, ein unglaublich intensives und eindrückliches Konzert, bei dem er zwischen dem Alt und dem Sopransaxophon wechselte. Draussen, auf dem Vorplatz zwischen den Ständen und Festbänken, trieben sich öfter auch die Musiker herum - und unter ihnen war dieser kleine Mann mit der immensen Stimme: Douglas Ewart. Noch einer der alten Chicagoer Garde, den ich natürlich auch noch nie live hören konnte.



Das erste Set des Schlusskonzertes spielte die Combo Sonic Communion mit Jean-Luc Cappozzo an der Trompete, Douglas Ewart in bester AACM-Manier mit einem (für seine Verhältnise kleinen) Instrumentarium: Sopraninosaxophon, Hölzflöten, Glocken, Englischhorn), Joëlle Léandre und Bernard Santacruz an zwei Kontrabässen, Michael Zerang am Schlagzeug. Im Gegensatz zu einem Bekannten aus der Gegend um Paris, den ich nicht zu treffen erwartet hatte und neben dem ich dann zufällig im Shuttle-Bus zurück ins Stadtzentrum sass, fand ich dass das Zusammenspiel der Franzosen mit den beiden Chicagoern hervorragend funktionierte. Es zeigte am Ende wohl, dass die Konzepte, die aus dem AACM-Umfeld stammen, durchaus offen sind für Stimmen, egal woher sie sind, wenn sie denn mit dem offenen Spielkonzept (offen heisst wohlgemerkt nicht: frei) zugange kommen. Die beiden Bässe - Léandre mit Pick-Up, Santacruz (1956 in Algiers geboren, mir zuvor unbekannt) mit Mikrophon vor dem Bass, was leider dazu führte, dass sein Bass etwas zu leise war - fungierten als eine Art Anker, sie öffneten Räume, über denen sich Cappozzo und Ewart auf ihre verspielte und dennoch ernsthafte Weise entfalten konnten. Räume, die man nutzen kann, die man aber auch einmal leer bleiben lassen kann. Dahinter Michael Zerang am Schlagzeug, der sich wie die anderen auch sichtlich wohlfühlte, wenngleich die Konzentration vor allem bei Léandre auch als Anspannung greifbar schien. Gegen Ende begann Léandre dann auch, ihre Stimme einzusetzen (ich hörte sie eins im Duo mit Lauren Newton ... und fragte mich damals einige Male, warum die beiden eigentlich nicht zur Oper gegangen sind). Sie schnaubte, sprach, sang - aus den wild dahinströmenden und ruppig ausgespuckten Silben wurden Worte, und schliesslich gesellte Ewart sich dazu. Ein fröhliches Ende eines guten Sets - das pünktlich zum Jubiläum bewest: Dada lebt.



Schliesslich, Samstag 22:30, das letzte Konzert - und jenes, das mich überhaupt zur Fahrt nach Mulhouse bewegt hatte (zusammen mit The Thing, die ich in Zürich wenigstens einmal verpasst hatte): Roscoe Mitchell Trio mit Mark Sanders am Schlagzeug und John Edwards am Kontrabass. Edwards halte ich weiterhin für den derzeit besten Bassisten für freien Jazz von Evan Parker über Roscoe Mitchell hin zu Peter Brötzmann - und er bot auch mit Mitchell wieder Erstaunliches, spielte wie ein besessener und bot dem zirkuläratmenden Saxophonisten mit seinen Klangkaskaden und -attacken munter Paroli. Mark Sanders sass etwas gar weit hinten, die Rollenverteilung war jedenfalls schon von der Anordnung her klar: da der Star, dort die Begleiter. Mitchell schien sich nicht zu kümmern, zog sein Ding durch - doch er tat das mit der Sicherheit, die eine so luxuriöse, so alerte Rhythmusgruppe eben bieten kann. Und er tat es im Wissen, dass diese den Karren auch nicht in den Dreck fahren würden, wenn er sich mal zurückzog, sich hinsetzte, tief konzentriert und dennoch entspannt. Das Trio kehrte am Ende sogar noch zu einer kurzen Zugabe zurück auf die Bühne - und keine Angst, wie schon beim Haupt-Set: BAMM! Und sie waren da, von Null auf Hundert buchstäblich innert eines Augenblickes. So wurde das Abschlusskonzert ganz zum erhofften Höhepunkt, das für mich so ziemlich alles in den Schatten stellte (auch wenn das Vergleichen von so unterschiedlichen Konzerten verdammt schwer fällt).