Giuseppe Verdi: Don Carlo - 1. Februar 2017, Teatro alla Scala, Milano (Chung, Stein)

Teatro alla Scala Chorus and Orchestra
Conductor: Myung-Whun Chung
Salzburg Festival Production
Staging: Peter Stein
Sets: Ferdinand Woegerbauer
Costumes: Anna Maria Heinreich
Lights: Joachim Barth

Elisabetta di Valois: Krassimira Stoyanova
La principessa di Eboli: Ekaterina Semenchuk
Don Carlo: Francesco Meli
Rodrigo: Simone Piazzola
Filippo II: Ferruccio Furlanetto
Il Grande Inquisitore: Eric Halfvarson
Un frate: Martin Summer
Voce dal cielo: Céline Mellon
Thibault: Theresa Zisser

Da möchte ich auf meine Zeilen zur Wiederaufnahme der Züricher Inszenierung verweisen, denn es scheint mir sinnvoll bzw. ich kann gar nicht anders denn die beiden Opernabende im Vergleich zu betrachten.

Der Hauptunterschied liegt in der gewählten Fassung: in Mailand gab man die vollständige italienische Version in fünf Akten, was dem Stück auf jeden Fall gut tut bzw., finde ich, an sich die einzige Version ist, die man überhaupt spielen sollte. Kürzen hätte man z.B. bei den Pausen können, denn schon nach dem ersten Akt – gemäss dem Plakat, das im Foyer hing ca. 35 Minuten lang – folgte die erste 25minütige Pause, nach dem zweiten Akt (ca. 67 Minuten) die zweite, nach dem dritten (ca. 43 Minuten) die dritte, die „nur“ noch 20 Minuten dauerte, den vierte und fünften gab man dann dankenswerterweise am Stück (ca. 80 Minuten). Mir hätte die dritte Pause gereicht, aber gut, man sitzt auf den Rängen (ich sass in der ersten Galerie) so dicht beieinander, dass es eine Zumutung ist (es gibt nicht einmal Unterteilungen zwischen den Sitzen, keine Armlehnen, um den hochverehrten Archilochos zu parodieren: man sitzt buchstäblich Arsch an Arsch, Schenkel an Schenkel. Aber kurz aufstehen kann man auch bei den Vorhängen, Szenenwechseln, wenn die Bühne umgebaut wird). Und wenn man erstmal raus geht, zuerst bei der Kasse und dann an der Bar ansteht, um sich einen überteuerten Drink zu holen, braucht man halt auch 25 Minuten. Aber gut, soviel dazu.

Die Inszenierung aus Salzburg kannte ich schon von der TV-Übertragung, die hier inzwischen auch als BluRay herumliegt – der hatten ja Anja Harteros und Jonas Kaufmann die grossen Hauptrollen gesungen (ein Teil der Faszination des „Don Carlo“ liegt ja auch darin, dass es sechs Hauptrollen gibt und dass sich von den Sechsen keine_r verstecken kann). Die Kostüme und die Bühne schienen mir etwas heller und bunter, aber das mag an der Differenz zwischen den oft engen Bildausschnitten einer solchen Opern-Produktion und dem Live-Erlebnis mit der Sicht auf die komplette Bühne. Das Bühnenbild und die Kostüme fand ich Zürich sehr viel eindringlicher, aber schauspielerisch war die Aufführung in Mailand um Welten besser: in Zürich hatte man sich auf das Herumstehen und Armrudern beschränkt (Sven-Erich Bechtolf halt, ich begreife nicht, warum der immer wieder an den ersten Häusern Aufführungen in den Boden rammen darf). Aber die Strenge, die Eindringlichkeit – und der rabenschwarze Zynismus von Zürich gingen der Stein-Inszenierung ab, die im Vergleich fast ein klein wenig harmlos scheinen wollte (und da und dort halt zu sehr Pappmaché-Theater war). Alles in allem war es nicht ein so intensives Erlebnis wie in Zürich, auch weil mich die Sänger_innen insgesamt nicht ganz so sehr zu überzeugen vermochten. Francesco Meli in der Titelrolle fand ich jedoch sehr überzeugend (und damit etwas besser als Vargas), doch Stoyanova hatte einen schweren Stand gegen Harteros, anfangs hatte ich mit ihr ziemlich Mühe, später wurde sie immer besser. Die beiden Bässe waren – wie in Zürich – hervorragend, der Posa von Piazzola reichte an Mattei nicht ganz heran, war aber ebenfalls sehr gut. Selbiges gilt für die Eboli von Semenchuk und Prudenskaya.

Das Orchester war in erster Linie einfach anders, ohne zu werten, doch fand ich die düstere Züricher Sichtweise stringenter und zwingender – und letztlich passte dazu auch die gekürzte Fassung: da war eben alles auf den Punkt, wer braucht ob all der Schicksalsmacht noch den Plot verstehen? In Zürich unter Luisi ging es ruppig zur Sache, wurde laut (eine entfernte Bekannte, die auch dort war, fand es sei zu laut, und ihr hat auch der Carlo von Vargas enorm gefallen, sie scheint aber Vargas überhaupt enorm zu mögen) und knallte, ohne dass das je billig wirkte oder Effekte zu erzwingen schien. In Mailand unter Myung-Whun Chung war der Orchesterklang ausgeglichener, runder, schöner – weniger lebendig, aber am Ende ähnlich plastisch und elastisch. Für mein Empfinden gelang es in Zürich besser, die Kraft der Musik – und die Kraft des Werkes überhaupt – zum Vorschein zu bringen. Dass Bühne und Kostüme dazu praktisch in Schwarz/Weiss getaucht waren, halt gewiss zur Verstärkung dieses Eindruckes. Auf jeden Fall hat sich der Besuch gelohnt – und die Möglichkeit, zwei Inszenierungen einer Lieblingsoper hintereinander zu sehen hat man ja auch nicht alle Tage.

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